Achtsamkeit
- Warum weniger manchmal gut tut.
Falls Sie mal in eine psychiatrische Klinik müssen oder auch nur ein
Entspannungswochenende machen wollen, merken Sie sich diesen Joker:
Achtsamkeit.
Damit liegen Sie immer richtig und bekommen nicht nur von den Kursteilnehmern,
sondern auch von den Therapeuten Lob, wenn Sie auf eine Frage damit antworten.
Es ist fast egal, auf welche. Danach kann man sich entspannt zurücklehnen,
falls möglich auf diesen unbequemen „Wir-bilden-einen-Kreis“-Stühlen.
Und wenn Sie dann noch erzählen,
dass Sie gleich am Anfang des Tages Ihren Kaffee von Hand aufbrühen
und es genießen, zuzusehen, wie der Duft des frisch aufgebrühten Kaffees
an mindestens zwei Sinnesorganen vorbeischwebt,
sind Sie ganz weit vorne –
entweder bei der Herabsetzung der Medikation oder beim Entlassungstermin.
Heute bedrängt das Thema eher, als dass es hilft.
Achtsamkeit wirkt oft wie eine Checkliste, die abgearbeitet werden muss.
Haben Sie heute schon „geachtsamkeitet“?
Wie lange darf man eigentlich in Achtsamkeit versinken,
ohne dass andere denken, man habe
eine spontane Verdummung erlitten,
nur weil jemand in den Kaffeefilter starrt,
obwohl der Becher schon voll ist?
Braucht es wirklich einen Namen
für diese kleinen Momente der inneren Einkehr?
Des Sich-fallen-Lassens in die Gegebenheiten
oder mit etwas Glück sogar in so etwas wie Geborgenheit?
Doch wie das Glück schaut auch das meist nur kurz bei uns vorbei.
Macht sich wahrscheinlich auf den Weg zum Nächsten,
zu jemandem, der es jetzt nötiger hat als wir,
die schon beseelt wurden.
Wie lange hält so ein Moment wohl an, bevor er weiterzieht?
Sechs, vielleicht sieben Sekunden.
Danach rutscht alles wieder in Trägheit.
Genug ist genug.
Für manche ist Achtsamkeit kein Luxus, sondern Strafverschärfung.
In dieser Klinik saß genau so jemand:
jemand, der ohnehin viel wahrnimmt
und eher Punkte im Tag bräuchte,
an denen er ausdrücklich nicht aufmerksam ist.
Denn das Problem ist oft nicht,
dass zu wenig Acht gegeben wird,
sondern dass auf alles und jeden Acht gegeben wird.
Die Dinge einfach laufen zu lassen, liegt vielen nicht.
Dabei braucht es diese ständige Kontrolle oft gar nicht.
Wie sehr ohnehin Acht gegeben wird,
zeigte eine einzige Frage – in einer Klinik,
die Patienten zu mehr Gelassenheit trainieren soll,
ohne das allzu deutlich beim Namen zu nennen.
Gelassen genug, um bald wieder arbeiten zu gehen.
„Arbeitsfähig“ – so nennt man Gelassenheit, wenn sie sich rechnet.
Offiziell geht es natürlich immer um den Menschen,
der hinter all dem steht.
Der möge dann bitte nach vorne treten,
damit man ihn zwar nicht mit Werbelogos,
aber mit vorgefertigten Meinungen plakatieren kann.
„Wie geht es Ihnen heute?
Was haben Sie heute noch vor?“
Alles Standardsmalltalk-Themen. So banal wie nichtig.
Also sagt man: „Gut, und ich weiß noch nicht.“
Beides gelogen,
aber wer teilt schon gern seine wirklichen Gedanken
mit Menschen, die dafür bezahlt werden, zuzuhören.
Dann kommt die Anti-Smalltalk-Frage.
Eine Frage, in die man unverhofft hineinrutscht
wie früher in der Schule,
wenn man aufgerufen wird
und plötzlich merkt, dass man die Antwort weiß.
Dann gerät man fast ins Stottern,
weil man so freudig erregt ist, etwas zu wissen.
Mit einem Mal ist da eine Welt,
in der man brilliert, ohne zu glitzern.
Man ist einfach im Einklang mit sich
und seiner Welt.
In diesem Fall sollte festgestellt werden,
ob da wirklich „zu viel“ los ist im Kopf.
Die anderen in der Gruppe wirken gedämpft,
lassen sich hängen, geben kaum Antwort.
Und doch versichert man immer wieder,
dass es einem ähnlich geht – nur anders.
Das ergab für niemanden richtig Sinn,
also wollte man der Sache auf den Grund gehen.
Die Frage nach dem Smalltalk-Einstieg lautete deshalb:
„Wie viele Geräusche nehmen Sie gerade wahr?“
Man zögert kurz, schließt die Augen
und beginnt zu zählen –
mit den Fingern, weil das am zuverlässigsten ist.
„Lassen Sie mich teilhaben“, sagt der Therapeut.
Schon ein wenig genervt, weil es so lange dauert.
Für gewöhnlich drehen die Patienten sich um
und schauen, wo Geräusche sein könnten.
Dieser nicht.
Dieser sagt:
„Sechzehn Geräusche.“
„Moment, Sie meinen,
Sie hören sechzehn Geräusche?“
„Ja.“ – „Und welche denn …?“
Die Uhr. Der Lüfter des Computers.
Schritte über den Flur, eine Plastiktüte in der Hand.
Draußen spielen mindestens drei Kinder,
der Mann auf dem Rasenmäher
hat gerade seine Bierlasche geöffnet.
Die Liste füllt sich, eins nach dem anderen,
bis der Therapeut kopfschüttelnd Notizen macht.
Was zu drei weiteren Geräuschen führt:
Stuhl quietscht, er seufzt,
die Tastatur hämmert.
Das war nur eine Minute
bewusster Achtsamkeit.
Statt noch bewusster achtsam zu sein, bräuchten manche eher eine App,
die Achtsamkeit wegnimmt –
subtrahiert statt expliziert.
Nicht noch jemand – und schon gar nicht man selbst –,
der ständig protokolliert, was alles wahrgenommen wird.
Vielleicht ist „Achtsamkeit“ ohnehin das falsche Wort.
Ein bisschen Verständnis füreinander.
Ein bisschen Respekt.
Ein bisschen weniger Hast.
Und wenn dann immer noch jemand
einen Namen dafür braucht,
darf er ihn sich gern selber ausdenken.
Und wenn das alles nichts hilft,
gibt es noch eine sehr einfache Form
der Selbstfürsorge:
Kopfhörer aufsetzen,
Noise Cancelling an,
die Geräuschezahl auf eins reduzieren –
auf das leise Klicken,
mit dem die Welt
für einen Moment stummgeschaltet wird.