Ausgang ohne Wiederkehr

Ausgang ohne Wiederkehr

Verzeihen Sie, wenn ich gleich mit der Tür – oder wie hier mit dem Schild – ins Haus falle. Aber so sind die Zeiten der Aufmerksamkeitshascherei nun mal.

Stellen Sie sich also vor, Sie haben einen Flug hinter sich, stundenlang über den Wolken, abgeschottet für sich, wie ich gestern schon berichtete. Stellen Sie sich nun weiterhin vor, Sie verlassen den Flieger – aber nicht wie üblich über eine Gangway oder irgendetwas, was diesen Namen auch nur annähernd verdienen würde. Nein, Sie gehen über den Asphalt, wie Enten, die immer der Mama folgen.

In meinem Fall war es ein Mann mit gelber Weste, der streng darauf achtete, dass wir – da ist es wieder – in Reih und Glied gehen, bis zur Kofferraupe. Jenem schlangenförmigen Band, das oft in mehrfacher Zahl vorhanden ist. Hier ebenso, wenn auch außer unserem heute kein weiteres Flugzeug landen wird. Aber könnte ja.

So stehen Sie dann da und schauen, wie gebannt, mit Ihren Leidensgenossen – es mögen so an die 150 sein – und warten darauf, dass die Hydra des Flughafens sich bewegt, ja lebendig wird. Denn dann geht es los. Langsam, aber stetig, rückt die Menschenmasse immer näher an das Band, als wäre es eine magische Anziehung.

Ich jedoch denke, es ist nur Egoismus.

Alles um einen herum ist auf Spanisch geschrieben. Wobei „alles“ fast nur Werbung ist. Was erstaunlich ist – nicht, dass es Spanisch ist, sondern dass es mir auffällt. Ich glaube, wenn es in Deutschland Werbung auf Spanisch gäbe, ich würde sie nicht bemerken.

Ich nenne es automatische kognitive Verweigerung – und bin nicht stolz darauf. Schließlich wurde es mir von Kindheit an trainiert. Überlebensinstinkt nenne ich das zuweilen.

Alles bunt, alles grell, so anders als das Wetter hinter dem Flughafen, wo es grau und regnerisch war. Südspanien im März – da muss man auch erst einmal drauf kommen.

Wenig später, mit meinem Koffer brav hinter mir herziehend, bewege ich mich dem Ausgang entgegen. Zumindest hoffe ich das, folge ich doch dem Schild, auf dem eine Bahn abgebildet ist – denn diese gedenke ich zu benutzen.

Jetzt nur noch durch diese eine Tür – oder ist es ein Tor?

Da sehe ich dieses Schild vom Anfang des Textes: Ausgang ohne Wiederkehr.

Sie verstehen nun bestimmt meinen berechtigten Einwand, dass es aus dramaturgischer Sicht besser gewesen wäre, dieses Schild erst hier zu benennen. Aber sei’s drum.

Bevor ich registriere, dass dieses Schild auf Deutsch ist – und ich mich später fragen werde, ob es nur dort für mich hing, denn kein anderer schien es zu bemerken –, überlege ich, ob ich durch diese Tür treten sollte.

Denn seien wir mal ehrlich, und vergewissern Sie sich meiner Lage noch einmal: das müde frühe Erwachen, stundenlang über den Wolken, dazu Regen hinter mir und nun vielleicht ein göttliches Tor mit dieser Aufschrift.

Bitte bedenken Sie weiterhin, dass ich dazu neige, Dinge schnell zu erledigen, damit sie mich nicht stressen können.

Also, bevor ich nun weiter rede, sage ich es frei heraus:
Ich war bereit.

Ich wollte diesen Übergang benutzen.

Ich erwartete schon dahinter ein wärmendes Licht, einen väterlichen alten Mann mit langem Bart, in Wolken wie aus Watte stehend. Frieden machte sich nicht nur in meiner Brust breit. Der ganze lange Tag hatte nun endlich einen Sinn.

Ich wappnete mich. Wollte ich doch bewusst diese Schwelle überschreiten.

Doch mein Vordermann, vorher von mir kaum wahrgenommen, öffnete diese Tür durch seine bloße Anwesenheit automatisch – und machte dadurch wahrscheinlich alles kaputt.

Nichts war da.

Oder jedenfalls nichts, was dieses Schild gerechtfertigt hätte.