Blinken ist auch keine Lösung

Blinken ist auch keine Lösung
  1. Ein Text über Rhythmus, Widerstand und das Schreiben in Echtzeit.


Der Cursor in meinem Schreibprogramm blinkt schneller, als mein Puls schlägt.
Das – obwohl, oder gerade weil – er auf einer leeren Seite steht.
Oder liegt er darauf?
Wie sagt man das richtig?

Die Uhr neben mir bewegt sich auch.
Nicht vor, nicht zurück – aber im Kreis. Innen.
Sie ist analog.
Die kleinen Staubkörnchen um meine Tischlampe tanzen mit.
Wieso ist eigentlich immer alles in Bewegung?

„Stillstand ist Tod“, heißt es.
Stimmt aber nicht.
Denn nach dem Tod geht’s erst so richtig rund.
Nicht für den Toten – aber für die, die ihn zum Fressen gern haben.
Makaber, aber wahr.

Selbst wenn ich mich bemühe, absolut unbeweglich zu sein – ich bin es nicht.
In meinem Inneren kriecht, fließt, tobt es nur so vor sich hin.
Sind wir deshalb ständig in Bewegung?
Weil wir gar nicht anders können?
Ein Motor, der läuft, will schließlich auch etwas bewegen.

Und doch bauen wir ständig neue Dinge, damit wir uns weniger bewegen müssen.
Wir machen unser Leben bequemer,
damit das Innere in Ruhe arbeiten kann.

Gut, der eine trinkt, der andere raucht.
Aber dafür ist unser Körper ja ausgelegt.
Hat er doch einen Schornstein – und ein Abflussrohr.
Wie lange die beiden noch halten, sagt uns am Ende der Tod.
Manchmal verkleidet als Arzt.

Jetzt blinkt der Cursor nicht mehr – er rennt.
Ich lasse ihm keine Zeit zum Blinken, ich überliste ihn.
Und wenn ich einen Absatz mache, schaue ich einfach nicht auf den Bildschirm.
Nur kurz. Oder dahin, wo er sein sollte.
Was nicht immer gelingt.
Doch die meiste Zeit schon – und dann rennt er wieder.

Das wird nicht lange gut gehen.
Aber mich beruhigt es.
Ich beherrsche den Cursor.
Oder zumindest seinen Puls.

Den man wahrscheinlich irgendwo im Programm einstellen kann.
Schauen Sie nach: Einstellungen > Cursor > Puls.
Zur Auswahl: Taktfrequenz manuell einstellbar oder synchron mit dem Benutzer.

Aber Moment – dann wäre mein Cursor ein EKG.
Auch nicht schlecht.
Steuerbar per Kaffee und Cola.
Oder andersrum – mit Baldrian.

Nein, kein Baldrian. Den will ich im Moment nicht.

Es fühlt sich so gut an, so über die Tasten zu fliegen,
dass man es wahrscheinlich noch drei Räume weiter hört.
Wenn ich schnell schreibe, schreibe ich auch laut –
als wolle ich mit der Geschwindigkeit auch Krach produzieren.

Krach duldet keinen Widerspruch.
Er ist da. Allmächtig. Stört. Nervt.
Aber nur, wenn man nicht derjenige ist, der ihn macht.

Oder warum sonst gibt es Dinge wie Laubbläser?
Oder Autos, die Krach machen?

Vielleicht muss ich nochmal in die Einstellungen.
Unter „Puls“ steht vielleicht auch: Cursor – Ton.
Bei mir wahrscheinlich automatisch auf „Stumm“ gestellt.
Mein System kennt mich. Zumindest manchmal.

Bei anderen – den Laubbläsern, den SUV-Fahrern –
ist da bestimmt eingestellt: Machohafter Sound.

Aber der ist nicht meins.
Zu langsam, so ein Krach.
Ich bin schon wieder weg.
Ich muss den Cursor über den Bildschirm scheuchen.

Ich weiß, dass am Ende der Cursor gewinnt.
Wenn ich nicht gleich nach dem letzten Punkt den Mac zuklappe.
Dann hat sich’s mit Blinken.

Oder ist es wie beim Kühlschranklicht –
wo man nie ganz sicher weiß, ob es wirklich ausgeht,
wenn die Tür zu ist?

Aber wer macht sich schon über das Ende Gedanken, wenn er noch in der Blüte seiner Schaffenskraft ist.
„Blüte“ – das klingt ja auch echt solide.
Die Blüten, die ich kenne, haben so ziemlich vor allem Angst: Regen, Wind, Trockenheit, Verliebte, die sie abzupfen. Müßiggänger.

Nee, das taugt nicht. Dann besser: im Stamm seiner Schaffenskraft.

Draußen ist es dunkel geworden, ohne dass ich es bemerkt habe.
Gut, dass mein Display sich anpasst – sonst müsste ich es noch selbst nachhellen oder abdunkeln.
Ich weiß gerade nicht mal, wie das geht.
Jedenfalls müsste ich dafür innehalten.
Und das ist gerade nicht drin.

Hätte ich wie früher eine Bluetooth-Tastatur,
würde ich dann nicht automatisch gewinnen, wenn die Batterie leer wäre?
Oder blinkt der Cursor trotzdem weiter, wenn mir der Saft abgedreht wurde?

Apropos – ein Schluck Wasser wäre jetzt auch nicht verkehrt.
Während ich mit den Umständen darbe, bekommt der Cursor von mir Ökostrom vom Feinsten.
Soviel Klimaschutz muss schon sein.
Ich finde, du, Cursor, könntest dich jetzt auch mal ein wenig erkenntlich zeigen.

Kurzer Blick.
Tut er nicht.

Warum blinkt er eigentlich so penetrant?
Er könnte doch einfach nur da sein.
Wie ein höflicher Mensch, der keinen Wirbel um seine Person macht.

Jetzt muss ich doch bald mal in die Einstellungen schauen,
ob man die EKG-Linie nicht auf Null-Stillstand setzen kann.

Doch wenn – was dann?
Vielleicht bedeutet das auch:
Kein Rhythmus mehr. Kein Puls. Kein Takt. Kein Text.

Eine Lichtorgel funktioniert nur auch mit Musik als Impuls. 

Langsam merke ich, dass ich ruhiger werde.
Liegt es an mir?
Werde ich müder?
Oder liegt es am gleichbleibenden Rhythmus des Cursors?

Ziemlich clever, das Kerlchen.
Während ich mich an ihm schriftlich abgearbeitet habe,
blinkt er stoisch weiter – als wäre nichts gewesen.
Was für ihn wohl auch die Wahrheit ist.
Oder versteht er, was ich da schreibe?

Ein weiterer Punkt, den ich gleich in den Einstellungen nachschauen werde:
Gibt es eine Vernunftsoption beim Cursor?

Doch was bei Menschen nicht klappt –
wie soll das ausgerechnet bei einem Cursor gehen?

Ich stoppe langsam ab.
Ein wenig Schwindel macht sich breit.
Bevor ich zu den Einstellungen gehen kann,
muss ich zwei Dinge tun:

Etwas trinken.
Und dem Cursor endlich einen Namen geben.

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