Das Buch

Das Buch


Es war einer dieser regnerischen Tage. Ja, ich denke, so könnte ich diese Geschichte am besten beginnen. Und wahrscheinlich trifft diese Beschreibung, wenn man bedenkt, wo ich mich damals befand, auch am ehesten zu. Schottland. Ein Name, der aufhorchen lässt. Und doch reisen nur wenige wirklich dorthin. Und wenn sie es tun, lassen sie sich meist nur ein paar Meter vor Loch Ness absetzen, um ein Monster zu sehen, das es nicht gibt. Dann watscheln sie über einen Parkplatz, eigens angelegt für große Busse, hinüber zu der Ruine, die etwa in der Mitte des Sees, direkt am Ufer liegt. Romantischer – oder kommerzieller – Weise in der Nähe eines kleinen Ortes, der sich bis heute nicht entscheiden kann, ob er die Touristen liebt oder sie eher lästig findet. Ich, der von den Einnahmen, die die Touristen hinterlassen, nicht profitierte, fand sie eher lästig.

Damals war ich auf einer Wanderung in den Highlands. Was besser klingt, als es in Wirklichkeit war. Denn in Schottland gibt es keine Wanderwege, nur mehr oder weniger ausgebaute Forststraßen. Und das eine oder andere Mal überlegte ich, ob ich es wagen sollte, unter einem Schlagbaum hindurchzugehen oder eine Kuhwiese zu überqueren – mit beeindruckend massigen Kühen. Wobei ich als Städter eher annahm, es handle sich um Bullen. Aber um ehrlich zu sein: Das wollte ich nicht herausfinden. So hatte ich an dem Tag, von dem ich berichten möchte, bereits einige Kilometer in absoluter Ruhe hinter mich gebracht. Ich konnte die Einsamkeit förmlich fühlen, wie sie mich in den Highlands umschloss. Ich sah abgestoßene Hirschgeweihe und einen Wasserfall, der durch seinen Namen – „Dog Falls“ – mehr versprach, als er letztlich hergab. Getrübt wurde meine Wanderung nur an einer Stelle. Dort traf ein Geruch meine Nase, der hier nicht hergehörte. Der aber – wenn ich es mir jetzt überlege – ebenso gut als Anfang dieser Geschichte getaugt hätte. Der Gestank der Verwesung.

Mit jedem Schritt, den ich weiterging, wurde er stärker. Und obwohl ich Derartiges zuvor nie hatte riechen müssen, wusste ich sofort, dass es sich um etwas handelte, das unabdingbar war. Kein Müll, der entsorgt werden konnte. Keine Fäkalien, die man hätte vergraben können. Nein. Es war der Geruch des Todes. Und mein Weg führte mich immer näher dorthin. Alternativen gab es keine. Es sei denn, ich hätte den Rückzug antreten wollen. Also zog ich mir meinen Rollkragenpullover über die Nase und marschierte weiter. Denn es war kein Gehen mehr, kein vorsichtiges Herantasten. Wer marschiert, zeigt keine Angst. Ich war noch nicht ganz im Rhythmus meiner Schritte, als ich bereits die ersten Vorboten sah – und hörte. Mücken. Hunderte. Nein, wahrscheinlich eher Tausende. Kurz überlegte ich, ob sie mich attackieren würden. Ein Umstand, den viele Menschen an Schottland nicht mögen, sind diese allgegenwärtigen Mücken. Doch meine Angst war unbegründet. Die Tiere waren beschäftigt. Sie taten sich genüsslich an dem Herd des Gestanks zu schaffen. Erst als ich noch näher kam und die Mücken von mir aufgewirbelt wurden, als wäre ich eine aufkommende Windböe, sah ich die Ursache des Mückeninfernos. Hunderte von Maden krochen in und um den Kadaver eines Tieres. Fast erwartete ich, man könne es hören, doch wie auch die Mücken verrichteten die Maden ihre Arbeit genüsslich und lautlos. All das nahm ich nur aus dem Augenwinkel wahr, denn ich sah keine Veranlassung, stehen zu bleiben. Der Gedanke, ich könnte den Mücken oder den Maden Gelegenheit geben, sich an mir zu laben, ließ Ekel in mir aufkommen. Das arme Tier. Es hatte das bestimmt nicht verdient. Doch letztlich enden wir alle so. Nur wir Menschen haben das Glück, vorher verbrannt oder in eine Kiste gelegt zu werden, damit diese dann unter der Erde verrotten kann. Der Kreislauf des Lebens.

Während ich weiterging, überlegte ich, ob ich gerade den Anfang oder das Ende dieses Kreislaufs gesehen hatte, bis mir einfiel, dass ein Kreis keinen Anfang hat. Und doch war es für den Waschbären – ich hatte beschlossen, dass es einer sein musste, und war mir aus irgendeinem Grund plötzlich sicher – das Ende. Der Regen nahm zu, und ich sah mich um, wo ich mich unterstellen konnte, wollte aber noch ein wenig weitergehen, um dem Geruch zu entkommen. Ich ging weiter und weiter, bis mir klar wurde, dass nicht die Entfernung den Gestank mindern würde, sondern Gedanken. Ich musste bestimmt schon einen Kilometer zurückgelegt haben, und der Geruch ließ dennoch nicht nach, selbst als die ersten Regentropfen es schafften, durch meine Kleidung zu dringen. Zum Glück sah ich in der Ferne schließlich eine Bushaltestelle. Eine von der Sorte: letzter Halt vor dem Ende der Welt. Doch sie hatte ein Dach, das sich über eine Sitzbank lehnte. Ich musste meine Schritte beschleunigt haben, denn plötzlich merkte ich, wie das Regenwasser rechts und links von mir auseinander spritzte. Kurz war ich versucht, wie ein Kind durch die einzelnen Pfützen zu springen, doch dann war ich auch schon an meinem Ziel. Ein Ort zum Verweilen war das bestimmt nicht. Nur robuster Stahl mit gesplitterten Scheiben, übersät mit Aufklebern des hiesigen Fußballvereins und von Musikbands aus den Achtzigern. Der Jugendliche, der sie damals angebracht hatte, würde sich heute über diese Verschandelung wahrscheinlich aufregen. Ich musste, obwohl ich völlig durchnässt war, schmunzeln bei dem Gedanken, dass Aufkleber von Bands, die es seit Jahrzehnten nicht mehr gab, hier in Schottland an dieser gottverlassenen Haltestelle noch existierten. Auch der Fahrplan, der an der Seite an einem Laternenmast angebracht war, wies auf den ersten Blick nur das obligatorische Zigarettenbrandloch auf. Trotzdem ging ich hinüber, um zu sehen, ob und wenn ja, wann der nächste Bus kommen würde. Doch entweder hatte sich die Busgesellschaft dem Vintage verschrieben oder der Plan war genauso alt wie die Aufkleber an der Haltestelle. Wäre ja auch zu schön gewesen, wenn in den nächsten fünf Minuten ein Bus gekommen wäre. Ach was, in einer Stunde wäre mir genauso recht gewesen. Doch warum eigentlich? 

Ich war heute Morgen aufgestanden, um zu wandern. Ich hatte mich nicht verlaufen, aber seit dem Gestank befand ich mich irgendwie auf dem Rückzug. Nicht in Kilometern gemessen, sondern gedanklich. Ich wollte das alles nur hinter mir lassen. Als ich mich setzte, bemerkte ich, dass in der Ritze zum Nachbarsitz etwas steckte. Zunächst, durch meine letzten Erfahrungen leicht angeekelt, ignorierte ich es. Aber nur, um wenig später doch nachzusehen, was es war. Wahrscheinlich ein Poesiealbum, vergessen in den Achtzigern, dachte ich noch sarkastisch. Ich zog es heraus und merkte sofort, dass es tatsächlich ein kleines Buch war, eher ein Notizbuch als ein Poesiealbum. Zumindest waren äußerlich keine aufgemalten Blumen oder Herzen zu sehen. Um ehrlich zu sein: Es war eines dieser Bücher, die ich selbst benutze, wenn ich mir Notizen mache. Notizen, die mir bei meiner Arbeit als Schriftsteller helfen. Das können Menschen sein, die ich beobachtet habe, oder Ideen, die mir eingefallen sind und die es wert sind, festgehalten zu werden. Da fiel mir ein, dass ich ja jetzt, wo ich im Trockenen saß, mein eigenes Notizbuch aus dem Rucksack holen könnte, um die Eindrücke des heutigen Tages festzuhalten. Was mich jedoch kurz zögern ließ, war die Tatsache, dass das Notizbuch, das ich in der Hand hielt, aussah, als stamme es aus einer anderen Zeit. Ich denke, den meisten Menschen wäre dieser Umstand nicht aufgefallen. Mir jedoch umso mehr, denn schließlich benutze ich genau diese Notizbücher seit über vierzig Jahren. Doch sein Erscheinungsbild war tadellos. Ich meine, Dinge wurden früher solider hergestellt, aber irgendwo hätte doch der Zahn der Zeit nagen müssen.

Ich sah mir das kleine Buch genauer an und war überrascht, dass ich sogar noch diesen einen bestimmten Geruch wahrnahm, den nur neue Bücher verströmen können. Das war unlogisch. Eigentlich hätte es nach Moder und Verfall riechen müssen. Selbst wenn es erst seit Kurzem hier lag, weil es jemand vergessen hatte, der es vielleicht gestern nach vierzig Jahren in einer Nachttischschublade wiedergefunden hatte. Ich war so fasziniert von diesem Umstand, dass ich ganz vergessen hatte, hineinzuschauen. Aber schickt sich das? Ich würde es hassen, wenn jemand Fremdes in meinem Notizbuch blätterte. Andererseits konnte ich so vielleicht feststellen, wem es gehörte, und es ihm zurückbringen. Unwahrscheinlich, aber eine gute Lüge für meine Neugier. Ich öffnete das Buch. So, wie man ein Notizbuch öffnet: indem man irgendwo in der Mitte aufschlägt. Nicht wie einen Roman, den man von vorn beginnt. Der erste Eindruck war durchaus ansprechend. Hier liebte jemand, was er schrieb. Das, verbunden mit dem noch immer neuen Geruch, ließ vermuten, dass dieses Büchlein für seinen Besitzer einen emotionalen Wert haben musste. Auch wenn ich beim weiteren Lesen feststellte, dass die Handschrift noch von jugendlicher Naivität geprägt war. Ich erkannte Wörter und Sätze, die ich als junger Mann selbst gewählt hätte, die ich heute so nicht mehr schreiben würde. Die aber deshalb nicht schlechter waren. Nur anders.

Ich blätterte zum Anfang, um zu sehen, ob dort vielleicht ein Datum oder ein Name stand. Nichts dergleichen. Erst jetzt fiel mir auf, dass dieses Buch auf Deutsch geschrieben war. Es gab zwar einige Anglizismen, doch die waren der Umgangssprache geschuldet. Es wunderte mich nicht, kein Datum und keinen Namen zu finden. Ich selbst hatte damit erst viel später begonnen, als mir bewusst wurde, dass ich Ordnung in das System meiner vielen Notizbücher bringen musste. Dieses hier schien noch nicht so weit zu sein, benannt zu werden. Nach und nach erkannte ich auch die Struktur des Buches. Anfangs nur Gedanken, sprunghaft niedergeschrieben, keinem Rhythmus folgend. Später dann immer stärker zu Versen und Geschichten verwoben. Als habe der Autor einen Prozess durchlaufen, der ein Ziel verfolgte, das er selbst noch nicht ahnen konnte. Ich merkte, wie auch in mir ein Sog entstand, wie ich gefangen wurde von den Wörtern. Ich stellte fest, dass vieles von dem, was dort geschrieben stand, meiner eigenen Geschichte nicht unähnlich war. Doch welcher Mensch hat schon das Recht auf Einzigartigkeit? Ich vergaß alles um mich herum und wollte wissen, wie es endete. Es fühlte sich an, als würde ich ein komplettes Leben lesen, zusammengefasst in diesem kleinen Buch. Und doch hatte man beim Lesen das Gefühl, die Jahrzehnte zu spüren, die darin lagen. Dann bemerkte ich plötzlich, dass eine Seite herausgerissen war. Nicht ungewöhnlich in so einem Buch. Aber hier schon. Das Perfekte hatte wortwörtlich einen Riss bekommen. Es tat mir weh, das zu sehen. Und noch mehr schmerzte mich der Umstand, dass mir das offenbar so viel bedeutete. Was geschah hier mit mir? Erst durch dieses Innehalten fiel mir auf, dass im Laufe der Geschichte die Sprache eleganter und selbstbewusster geworden war. Ja, sie strotzte vor Stärke. Hier wusste jemand, was er tat. Umso erstaunlicher war der Umstand der herausgerissenen Seite. 

Eigentlich hätte ich jetzt weitergehen sollen, denn es wurde langsam dunkel. Und die Hoffnung, dass mich hier noch ein Bus auflesen würde, hatte ich längst aufgegeben. Doch ich war zu neugierig, wie das Buch enden würde, denn es fehlten nur noch zwei oder drei Seiten. Ich sah mir den nächsten Satz an:

Es war einer dieser regnerischen Tage.

Ein guter Satz, der viel versprach. Danach folgten landestypische Beschreibungen. Loch Ness. Das kleine Dorf daneben. Ja, sogar ein stinkender Kadaver. Doch anders als in meinem Fall war es kein Tier, sondern ein Mensch, der dort verweste. Ein Mensch, der noch jung war, der Träume hatte und auf dem Weg zum Bus gewesen war, um ein Konzert in Edinburgh zu besuchen. Ein Konzert, für das ich mir damals selbst eine Karte gekauft hatte. Ich öffnete meinen Rucksack. Zwischen den Dingen, die ich bei mir trug, lagen plötzlich Gegenstände, die mir fremd waren. Dinge, die nicht zu mir passten. Ganz unten fand ich die Eintrittskarte.

Rockkonzert, Edinburgh. 1987.

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