Das Chinarestaurant

Das Chinarestaurant

Es gehört einfach zum Stadtbild. Besser gesagt: zum Bild der Straße. Wie ein vergessenes Straßenschild. Da ich ein Zugezogener bin, habe ich mich oft gefragt, wie lange es wohl schon leer steht. Denn dass es so war, ließ sich leicht erkennen. Immer waren die angrenzenden Stellflächen für Autos leer. Parkplatz konnte man das wirklich nicht nennen – weder war er beleuchtet, noch waren Linien gezogen. Allein der Anblick dieser großen Fläche, die selbst am Nachmittag durch die umstehenden Häuser bereits sehr dunkel wirkte, ließ ahnen, dass hier niemand Profit machen wollte. In Zeiten, in denen eine Stellfläche in der Großstadt schon mehr als hundert Euro kostet, eigentlich eine Fundgrube für jeden Makler. Aber außer mir schien sich niemand darüber Gedanken zu machen. Es war offensichtlich, dass diese Fläche zu dem Haus gehörte, das einen Teil davon nutzte. Das Haus selbst war unscheinbar und klein im Vergleich zu der riesigen Fläche dahinter. Und doch schien es vollständig mit ihr zu verschmelzen. Oft fühlte ich mich an die alten Häuser von früher erinnert. Nicht an die schönen Fachwerkhäuser, sondern an jene, die in den Sechzigern schnell hochgezogen wurden. Vom ersten Tag an ein wenig schief. Ab dem dritten Stock führte eine verkleidete Treppe schräg nach unten, direkt auf die Stellfläche. Mir fehlt bis heute die Fantasie, warum jemand diese Treppe benutzen sollte. So verwittert und zugleich so ungenutzt, wie sie aussah, war ich damit wohl nicht der Einzige.

Was das Haus jedoch interessant machte, war der Laden, der sich einmal darin befunden haben musste. Es war nicht so, dass über dem Eingang noch ein verblasster Schriftzug zu lesen gewesen wäre, wie man ihn an manchen Häusern findet: Bäckerei Müller oder Sattlerei. Nein. Hier sah man einen chinesischen Namen. Denn es handelte sich offensichtlich einmal um ein Chinarestaurant, auch wenn ich mit dem Namen selbst nichts anfangen konnte. Die üblichen Restaurants tragen ja so vielversprechende Namen wie Lotusblüte oder Drache. Oder – besonders kreativ – Palast. Ich habe mich oft gefragt, ob die Menschen, die diese Lokale eröffneten, diese Namen wählten, um ihre Gäste zu blenden oder vielleicht sich selbst. In dem Wissen, dass sie aus China kamen, weil es ihnen dort offenbar nicht gut genug ging. Der Name Lotusblüte jedenfalls hat für mich noch nie zu einem Ort wie dem Ruhrgebiet gepasst. Und mir ist auch keine Geschichte bekannt, in der hier ein Drache vorkommt. Aber man muss zugeben: Solche Namen fallen auf. Sie versprechen einen Gaumenschmaus wie aus Tausendundeiner Nacht – wie ein Kritiker einmal unwissenderweise schrieb. Aber wer will es ihm verübeln. In Zeiten des Globalismus liegt Asien bei Persien gleich nebenan. 

Dieses Restaurant hatte einen Namen, belangloser hätte er kaum sein können. So belanglos, dass ich ihn nicht einmal erwähnen kann – ich habe ihn längst vergessen. Aber in dieser Geschichte geht es nicht um Namen, sondern um einen Ort. Einen Ort, der in meiner Fantasie voller Leben war. Menschen gingen ein und aus, und selbst beim bloßen Vorbeigehen lag ein Hauch von geröstetem Sesam in der Luft. An hektischen Tagen, so stelle ich es mir vor, konnte man das aufgeregte Chinesisch bis in die dunkelste Ecke des Schotterparkplatzes hören. Heute – oder besser gesagt: schon seit Jahren – hat die immer lauter gewordene Straße all diese Geräusche ausgelöscht. Aufgesogen von einem stetigen Brummen, übertönt vom Hupen der Autos. Kein Platz mehr für den singenden Klang einer fremden Sprache.
Wie der Abgasfilm sich auf die Fassade legte, so erstickte auch der Lärm der Stadt die einstigen Geräusche dieser kleinen Oase. Aus den ehemals roten und goldenen Verzierungen wurde ein graues Etwas. Kein Wunder, dass dieses Restaurant schon lange geschlossen ist. Oft habe ich mich gefragt, wie der Traum einer armen chinesischen Familie wohl am westlichen Kapitalismus zerschellte. Sicher haben sie sich anfangs angepasst – mit winkenden Glückskatzen im Fenster, Glückskeksen zur Rechnung, zum Jahresende der übliche Kalender in Papyrusoptik. Doch irgendwann verschwanden diese Plastikutensilien und wichen – zumindest im Schaufenster – Blumen. Diese Art von Blumen, die das ganze Jahr über gleich aussehen. Man erkennt: Der Besitzer hat sie hingestellt, weil sie keine Pflege brauchen. Aber immerhin sind es keine Plastikblumen.

Ich gebe zu, ich schwelge gern in alten Zeiten und male mir aus, wie die Menschen damals gelebt haben. Vielleicht ist das der Grund, warum ich mich auch ein wenig freute, als ich diesmal an dem Laden vorbeikam. Die Bahn hielt ungefähr zehn Sekunden länger als sonst – gerade genug Zeit, um genauer hinzusehen. Und da war es: ein kleines blinkendes Neonschild, nicht größer als ein Mofakennzeichen. „Open.“ Ich kniff die Augen zusammen, um mich dem Trugschluss zu widersetzen – denn was anderes konnte das sein? Doch das fröhliche Open blinkte unbeirrt weiter. War das schon immer da gewesen? Ich überlegte kurz, seit wann es solche Neonschilder eigentlich gab. Lange, musste ich mir eingestehen. Also hatte ich es vermutlich einfach übersehen. Was für ein Anachronismus. Man stelle sich vor, ein solches Schild stünde vor einem Mausoleum. Nicht auszudenken. Und kurz bevor die Bahn weiterfuhr, fiel mir noch etwas auf: Zum ersten Mal stand ein Auto auf der Stellfläche neben dem Restaurant. Außer mir schienen diese – für mich fast dramatischen – Ereignisse jedoch niemanden zu interessieren. Aber dieser Gleichmut der Menschen ist mir wohl vertraut. Ich griff zu meinem Handy. Nicht, weil ich es allen anderen nachmachen wollte, sondern um zu prüfen, ob das Restaurant tatsächlich keine Homepage hatte. Hatte es aber. Nichts Modernes, aber durchaus lesbar. Die Speisekarte las sich wie die jedes anderen Chinarestaurants – müßig, sie jetzt aufzuzählen. Was jedoch besonders hervorstach, waren die Preise. Nicht, weil sie – wie ich zunächst dachte – noch in D-Mark angegeben waren, sondern weil sie so niedrig waren. Suppen für 2,50 Euro. Vorspeisen für zwei Personen für neun Euro. Hauptgerichte, egal ob Rind oder Ente, für unter sechzehn Euro. Das konnte einfach nicht stimmen. Bestimmt wieder so ein Beschiss, bei dem man erst merkt, dass mehr versprochen als gehalten wird, wenn man tatsächlich hingeht. Andererseits: So sah das Restaurant nicht aus, wenn ich ehrlich bin. Es wirkte eher, als sei es sprichwörtlich aus der Zeit gefallen.

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Ich kann es nicht anders sagen: Es nagte an mir. Ich musste es mir selbst ansehen. Aus Neugier – und ja, vielleicht auch aus Geiz – wollte ich wissen, was es damit auf sich hatte. Mein Stammchinese verkauft seine Suppen mittlerweile für 7,90 Euro, und dann sind die kleinen Schüsseln nur halb voll. Viel weniger konnte in so einer Tasse kaum sein. Was also bekommt man für 2,50 Euro?

Also fuhr ich zu dem Restaurant. Wie erwartet: freie Parkplatzwahl. Nur der Golf stand schon wieder dort. Oder immer noch. Um ehrlich zu sein, rechnete ich nicht damit, dass der Laden wirklich offen war. Man kennt das ja mittlerweile: Viele Restaurants haben von Montag bis Donnerstag geschlossen. Heute war dummerweise Dienstag. Ich zog an der Eingangstür – und sie gab überraschend nach. Sie öffnete sich tatsächlich. Was sofort auffiel: kein typischer Chinarestaurant-Geruch. Keine typische Musik. Oder besser gesagt: gar keine Musik. „Okay, also doch geschlossen“, dachte ich – mangels der von mir so genannten sensorischen Reize. Ich wollte mich schon wieder umdrehen – man will ja schließlich nicht stören –, als mich eine chinesische Frau begrüßte. Man kennt das ja: Asiaten sagen dir etwas, und du musst es im Kopf schnell übersetzen. Meist setzt man dabei nur Wörter ein, die man für richtig hält. In meinem Fall etwa: „Nein, ich bin allein.“ Oder: „Haben Sie offen?“ Doch ich brauchte gar nichts zu übersetzen. Ich wurde in sehr gutem Deutsch begrüßt – mit den Worten: „Nur Barzahlung hier, dann du willkommen.“ Dafür hatte ich keine Standardantwort – außer einem Nicken. Das passiert mir leider häufig automatisch, wenn die Fronten geklärt sind. Ohne mich an irgendeinen Platz zu weisen, ging die Dame wieder hinter ihren Tresen und tat so, als gäbe es mich nicht. Aus ihrer Sicht war das vielleicht normal. Schließlich musste ich jetzt entscheiden, was ich machen wollte. Ich entschied mich zu bleiben und schaute in den Speiseraum, der in zwei Hälften unterteilt war – der erste mit normalen Tischen, der zweite mit runden. Ich entschied mich für den ersten, wollte aber vorher noch meine Jacke ausziehen. Schließlich stand ich ja schon vor der Garderobe. Die allerdings hatte keine Kleiderbügel. Ich wollte schon fragen, doch dann sah ich drei Bügel in einer Ecke der Kleiderstange. So dicht ins Dunkel gedrängt, als wollten sie nicht benutzt werden.

Nachdem ich meine Jacke aufgehangen hatte, ging ich in den Speiseraum. Gleich am Anfang saßen die Besitzer des Golfs: ein entsprechend altes Pärchen. Ihr genaues Alter ließ sich schwer schätzen, aber zumindest waren sie alt genug, um sich ganz selbstverständlich für den Tisch zu entscheiden, der der Eingangstür am nächsten lag. Ich wählte einen Platz zwei Reihen weiter, schräg gegenüber. Man will ja nicht aufdringlich sein. Neben meinem Tisch verlief ein Gang, und direkt daneben stand ein Tisch, der vollständig mit Mappen gefüllt war – lauter Speisekarten. Ich griff mir eine und begann bereits darin zu blättern, als dieselbe Frau von eben zu mir kam und fragte, ob ich eine Speisekarte wolle. Zumindest setzte sie dazu an, unterbrach sich jedoch, als ich ihr meine Mappe leicht entgegenstreckte. „Oh, Sie haben schon“, sagte sie. Sie wirkte etwas zerstreut. Aber nicht unhöflich. Eher professionell gelangweilt. Nicht diese typischen chinesischen Bedienungen, die ihre Haare straff nach hinten gebunden haben, grellen Lippenstift tragen und dazu ein sehr enges schwarzes T-Shirt. Und dir immer genau so lange in die Augen schauen, dass man sich fragt: War da mehr? Mit den Jahren bin ich zu dem Entschluss gekommen, dass sie das irgendwo lernen – um den Umsatz anzukurbeln. Wenn ich damit falsch liege – na dann. Ärgerlich. Aber hier war es ohnehin anders.

Die Chinesin trug ihr Haar offen, und ihre Kleidung war … okay. Sie hatte einen Pullover an, der wohl einmal geglitzert hatte. Jetzt trugen ihn nur noch kleine, matte Metallteilchen. Er erinnerte mich ein wenig an die Pullover, mit denen die Mädchen früher, in den Achtzigern, in die Disco gingen. Nur waren sie damals neu. Dieser hier ganz bestimmt nicht. Aber er tat noch, was er tun musste: nichts versprechen. Um die Situation nicht in Verlegenheit ausarten zu lassen, bestellte ich mein Getränk. Die Bedienung ging, und ich hatte Zeit, das ältere Paar zu beobachten – natürlich unter dem Vorwand, die Speisekarte zu lesen. Das tat ich zunächst auch und stellte gleich fest, dass die Preise mit denen im Internet übereinstimmten. Und dass mein Standardgericht hier fünfzehn Euro billiger war als bei meinem Stammchinesen. Und, um ehrlich zu sein, auch billiger als bei allen anderen chinesischen Restaurants in der Stadt. Das ältere Pärchen war völlig in sich versunken. Sie redeten ununterbrochen. Was sollten sich ältere Paare nach all den Jahren noch zu erzählen haben? Trotzdem taten sie es. Und da zu meiner Freude immer noch keine Musik zu hören war, konnte ich einige Wortfetzen aufschnappen. Es war ein lebhaftes Gespräch. Nicht unhöflich miteinander, aber – dachte ich – eigentlich alten Leuten nicht würdig. Andererseits könnte man auch sagen, sie seien jung geblieben. Und das ist doch etwas Schönes. Sie redeten über die Zukunft. Darüber, ob man in dieser Welt überhaupt noch Kinder bekommen dürfe. Und ob sie ihr Studium beenden sollten. Er erzählte davon, nach Berlin ziehen zu wollen, um dem Wehrdienst zu entkommen. Verrückt.

Doch dann fiel mir die Lösung ein. Keine Ahnung, ob das bei allen Menschen so ist, aber ich will für alles eine Erklärung – bitte eine logische. Und hier lag der Fall doch ganz klar: Das waren zwei Schauspieler, die für ihre Rolle übten. Wenn ich mich genauer umsah, gab es dafür wohl kaum einen besseren Ort. Die Ausstattung des Restaurants war überraschend hochwertig, doch eindeutig in die Jahre gekommen. Ich schätzte sie auf Mitte der Achtziger. Im Grunde passend zu dem Golf, der vor der Tür stand. Ich nahm mein Getränk entgegen. Ein Glas mit dicker Wand und schlierigem Inhalt, der wohl Eistee sein sollte. Er schmeckte alt. Nicht schlecht, nur … wie aus einer Zeit, in der Dosenpfirsiche noch ein Dessert waren. Hatte ich überhaupt ein weiteres Getränk bestellt?

Ich wollte gerade mein Handy herausholen, um die Uhrzeit zu checken – ein Automatismus –, doch der Bildschirm blieb schwarz. Ich tippte, hielt den Power-Button gedrückt, wischte. Nichts. Ich lachte leise. Akku leer, klar. Oder? Ich sah mich erneut um. Die Farben des Raumes wirkten gedämpfter als zuvor. Nicht schmutzig, eher … ausgewaschen. Wie auf einem alten Polaroid. Auch das Pärchen sprach nicht mehr. Sie saßen still da, hielten sich an den Händen und blickten auf ihre Teller. Ihre Bewegungen waren eingefroren – oder so gleichmäßig, dass es unheimlich wirkte. Schade, dass mein Akku leer war. Das wäre wirklich ein schönes Foto geworden. Was kann mehr über Liebe sagen als ein altes Paar, das sich über den Tisch hinweg an den Händen hält? Ich stand auf. Nur kurz, wie ich mir einredete. Nur um zu sehen, wo die Toilette war. Oder ob es doch Musik gab. Oder … was auch immer. Vielleicht nur, um mich zu beruhigen.

Doch als ich zur Tür ging, war sie nicht da. Also – sie war schon da, aber nicht mehr die Tür, durch die ich gekommen war. Kein Griff, kein Spalt, kein Glas. Nur Wand. Eine schimmernde Fläche, in der sich mein Spiegelbild verzerrt zurückwarf. Ich blinzelte. Es trug einen anderen Pullover als ich. Einen mit V-Ausschnitt. Igitt. Ich drehte mich langsam um. Die Bedienung stand wieder am Tresen und schaute mich an. Ihr Blick war freundlich, irgendwie beruhigend. „Nur Barzahlung hier“, sagte sie noch einmal. Diesmal leiser. Und dann: „Jetzt bist du da.“ Ich verstand es nicht sofort. Doch in meinem Kopf setzte sich ein Puzzlestück zum nächsten. Die Preise. Die Einrichtung. Der Golf. Das Paar, das über Dinge gesprochen hatte, die längst vergangen waren. Ich sah sie wieder an. Die beiden. Sie waren nicht erlöst. Sie verblassten, bevor ihre Liebe zueinander es tun konnte. Sie mussten lange hier gewesen sein. Denn jetzt, wo sie fast aufgelöst waren, sah ich, dass alles um sie herum ihre Form angenommen hatte. Wie konnte mir das vorher nicht aufgefallen sein? Selbst die obligatorischen Blumen auf der Fensterbank hatten sich zu ihnen gestreckt. Ja, sie lagen wohlgeformt auf ihren Schultern. Schultern, die jetzt nicht mehr da waren. Jetzt erst sah ich, dass auf dem Tisch ein Füllfederhalter lag. Kein moderner. Einer, den man früher bei sich trug. Eine Serviette lag daneben, beschrieben mit Tinte. Nicht sehr grazil. Nicht sehr präzise. Dort stand nur ein Wort:

Danke

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