Das grüne Telefon
- .… über die stille Würde der nutzlosen Dinge.
Man stelle sich das einmal vor: Mit Mitte fünfzig zieht man in ein Haus.
Aber in diesem Fall ist es das Haus der Schwiegermutter.
Separat in ihrer eigenen Wohnung untergebracht – so musste es sein, anders ging es gar nicht.
Was bleibt, ist der gemeinsame Keller. Zwei Räume.
Es gibt Keller, die lagern Kartoffeln. Unserer lagerte Erinnerungen, Staub – und Vergessen.
Der hintere, mit der Waschmaschine, ist eigentlich ein Heizungskeller. Am einen Ende stehen die Waschmaschinen, am anderen drei Schränke mit dem Werkzeug des Schwiegervaters. Durch einen Türdurchgang, ohne Tür, aber mit drei Türmatten, die übereinandergelegt sind, getrennt vom ersten Raum, liegt der Schwiegermutter-Kitsch-Entfaltungsraum. Ich denke, so war einmal der Plan – die Realität war aber eine andere, als ich das erste Mal den Keller betrat.
Bei mir ist das so – auch bei kleinen Dingen: Wenn ich etwas sehe, sortiere ich es unterbewusst. Im Sinne von „Das gehört da hin, das gehört dazu, das könnte man gebrauchen.“
Dererlei Sortierungen gibt es bei mir unzählige, mehr als ich hier aufschreiben könnte.
Was mich aber in diesem Keller erwartete, war unvorstellbar. Der Nippeskram hatte die Werkzeuge schon ummantelt wie ein Pilz. Und er hatte Sporen geschlagen. Ein muffiger Geruch bestätigte das. Wo sollte ich anfangen? Am liebsten gar nicht, denn wieso sollte ich Jahrzehnte alten Müll sortieren? Andererseits brauchten wir ein wenig Platz für unsere Sachen.
Das war vor drei Jahren. Und ehrlich gesagt möchte ich nicht alles erzählen, was ich gefunden habe und welche Kämpfe ich ausfechten musste – ob es das zehnte Osternest noch braucht oder die achte (!!) Klobürste. (Wenigstens unbenutzt.)
Nach zwei oder drei Tagen Kampf habe ich dann eine sehr weise Entscheidung für alle Beteiligten getroffen: Ich habe einfach alles, was ich meinte, weggeschmissen. Nicht aus Wut, sondern aus Überzeugung. Ich fühlte mich kurz wie ein Henker, dann wie ein Befreiter.
Man sagt, wenn man etwas nicht mehr benötigt, aber sich nicht sicher ist, ob man es vielleicht noch braucht, soll man es ein Jahr weglegen – und wenn man es in dieser Zeit nicht anfässt, kann es weg.
Aber niemand sagt einem, was man macht, wenn aus dem einen Jahr schon dreißig geworden sind. Nirgendwo steht, dass Dinge, die überwiegend aus Dollar-Läden stammen, vielleicht einmal archäologische Schätze werden.
So zumindest scheint es die Schwiegermutter zu denken. Wenn sie sagt: Vielleicht kann das ja noch jemand gebrauchen. Wobei ich mir dann immer diesen armen Menschen vorstelle.
Bei dem Werkzeug, das ich aus besagten Gründen erst später entdeckte, war es etwas anderes. Es gab von jedem Typ Maschine mindestens zwei, meist sogar drei Geräte.
Wer die Wahl hat, hat die Qual, dachte ich, und probierte die Geräte aus.
Heute weiß ich, dass nicht nur keine funktionierte – alle waren defekt.
Und stellte sich dieser Zustand ein, dann wurde nicht repariert, sondern eine neue Maschine gekauft. Meist vom Fachhandel namens Aldi. Bis nichts mehr ging. Weder mit den Geräten noch mit meinem Schwiegervater, damals über achtzig Jahre alt.
Am Ende deines Lebens bleiben wohl nur defekte Maschinen zurück.
Nach rund einer Woche war der Keller sortiert. Ich hatte alles umgekrempelt.
Alles – bis auf eine Seite des ersten Raumes, wo ein großes Regal steht, gefüllt mit riesigen Kartons der Marke „Ich bin billig, will aber hochwertig aussehen“.
Dies war das Heiligtum der Familie.
Oder, mit meinen Worten: der Weihnachtsnippes-Kram.
Nicht, dass man gläubig wäre.
Nicht, dass man in die Kirche ginge.
Aber Weihnachten – da braucht es adäquaten Dekokram.
Sie denken, das kann ja nicht viel sein?
Zur Einordnung: In der Osterzeit stehen unten in der Wohnung – und wir reden von 2,5 Zimmern – 36 Stück feinster Ein-Euro-Osterdeko.
Sollte es noch Dalli Dalli geben und die Frage lauten: „Nennen Sie abwechselnd in 60 Sekunden Ostergegenstände“ – ich wäre der GOAT.
Jetzt können Sie sich vielleicht vorstellen, wie viel Weihnachtsdeko in diesem Regal lag.
Aber ich war zufrieden, denn die Kisten sahen von außen ansehnlich aus und – jetzt halten Sie sich fest – sie waren tatsächlich beschriftet und nach Farben sortiert.
Weihnachtsbäume sind nicht so mein Ding, aber ich erkannte den Sinn dahinter, Christbaumkugeln nach Farben zu sortieren.
Macht ja Sinn.
Man will ja Abwechslung, wenn man die weihnachtlich-nicht-stattfindenden Gedichte aufsagt.
Kurz wollte ich einwerfen, dass Schwiegermutter seit über zehn Jahren nur noch ihren Silber-Glitzerbaum mit eingebauten LEDs als Tannenbaum-Klon benutzt – ein Ding, das eher in eine Disco passen würde als zum Schwiegermutterbarock der sonstigen Einrichtung.
Aber ich spürte eine leichte, unterschwellige Aggression, würde ich dieses Argument anbringen.
So blieb das Regal drei Jahre unangetastet. Nicht nur von mir.
Warum sollte es auch? Es war mindestens zehn Jahre vorher schon nicht angerührt worden. Dachte ich.
Doch wie so oft im Leben kommt es anders, als man denkt.
Letzte Woche nahm sich meine Frau das Projekt „Ich entsorge den Weihnachtsschmuck“ vor.
Eine ehrenvolle Aufgabe – und nicht ganz einfach Anfang November, so kurz vor Weihnachten, wo es schon seit über einem Monat im Discounter Weihnachtskekse und viel anderen ungesunden Kram gibt.
Doch sie war zuversichtlich. Stieg in den Keller und kam mit der ersten Kiste hoch. Der grünen.
Ich erwartete grüne Engel, grünes Lametta oder zumindest grüne Plastikzweige.
Kannte ich doch den Geschmack, der hier im Haus die letzten 30 Jahre herrschte.
Was jedoch zum Vorschein kam – neben Kindergartenstrohsternen und Dekoband in Form von kleinen Sternen (nicht mal grün) – war ein grünes Telefon mit Wählscheibe.
Da war ich also wieder mit meinem Drang, die Dinge gedanklich zu sortieren:
Überlegte, wie man es am Tannenbaum befestigen könnte.
Oder ob es ein Telefon war, das man nur an festlichen Tagen benutzte.
Was zugegebenermaßen spleenig, aber auch irgendwie cool gewesen wäre.
Beides schien aber nicht der Fall zu sein.
Denn es sah noch fast aus wie neu.
Abgesehen davon, dass alles an ihm ausstrahlte: „Hey, ich war beim Untergang der 1980er dabei.“
Ist das vielleicht die Wertigkeit, die wir Dingen geben müssen?
Oder ist es nur Bequemlichkeit, sie zu entsorgen?
Im Fall des Telefons kenne ich die Antwort sehr genau.
Und ich glaube, es war Zufall, dass es in der grünen Kiste gelandet ist.
Die Kiste war halt offen, als das neue Telefon kam.
Wie ein modern computergesteuertes Lager, das ankommende Sachen in der nächsten freien Stelle einsortiert. Schnell und effektiv.
Nur geht das, weil der Computer immer weiß, wo etwas ist.
Im Fall des Telefonbesitzers war das wohl auch so – für die Dauer des Augenblicks.
Danach: gedanklich wegfragmentiert.
Man tut sich und den Dingen keinen Gefallen, sie irgendwo abzulagern.
Auch Dinge verdienen die Gnade eines schnellen Entsorgungstods.
Sonst bleiben am Ende nur defekte Maschinen zurück.