Das Kiesbeet der verlorenen Träume
- Ich glaube, dazu braucht es keine große Erklärung. Immer wieder bemerke ich den stetigen Verfall der Vorgärten meiner Mitmenschen und frage mich: Nehmen sie es selbst überhaupt wahr? Spüren sie das allmähliche Verschwinden, oder sind sie blind dafür? Ich weiß, in einer solchen Umgebung könnte ich mich niemals wohlfühlen. Und setzt sich das Grau, das Grauen der Vorgärten, in den Häusern selbst fort?
- Ein Essay über Ordnung, Ignoranz und die Poesie des Unkrauts
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Kürzlich stand ich wieder vor einem dieser Vorgärten, die nichts mehr blühen lassen – außer Fragen.
Eine Fläche aus Kies, ordentlich, monoton, ein graues Rechteck auf grauem Asphalt.
Kein Duft. Kein Geräusch. Kein Leben.
Nur ein Panzer aus Zweckmäßigkeit.
Warum gestalten Menschen ihre Umgebung wie eine Absage an alles Lebendige?
Ist es Bequemlichkeit? Oder eine stille Sehnsucht nach Kontrolle?
Ich weiß es nicht.
Aber ich weiß, was fehlt – und was uns das über uns selbst verrät.
Ich frage mich oft, wie alles begann.
Welche Intention steckte dahinter?
Der auf Pump gekaufte SUV steht da wie ein Bollwerk gegen jede Form des Lebens –
als wolle er verhindern, dass irgendetwas außer ihm noch Aufmerksamkeit verdient.
Ein Denkmal der Ignoranz.
Ist ja auch blöd, wenn ein mit Liebe gepflegtes Beet nicht nur die Aufmerksamkeit der Insekten und Bienen auf sich zieht,
sondern auch den ein oder anderen Spaziergänger.
Sofern er groß genug ist, über den Panzer-SUV zu schauen.
Stellen wir uns also vor:
Wir kaufen oder bauen ein Haus.
Geld, Beton, Kies, Lärm, Lehm, Staub…
Oder – so sollte es doch sein – wir sehen unser Traumhaus eingebettet in seine Umgebung.
In zwei, drei Jahren. Mit Geschichte. Mit Seele.
In meinem Fall: Grün. Viel Grün.
Mit Liebe gepflegt.
Stellen sich wirklich all die Leute mit ihren Kiesvorgärten ihr Zuhause in einem grauen Nichts vor?
Oder nehmen sie sich schlicht das Recht, zu sagen:
„Ist halt praktischer so…“
Nun könnte ich ja auch denken:
„Ist halt so…“
Ja, ist es.
Aber der Mensch, der mehrere Male am Tag durch sein Kiesbeet stapft,
in dem längst wieder Grünzeug wächst,
sieht Tag für Tag dasselbe Bild.
Emotionslos. Farblos.
Ein selbstgewähltes Ausrufezeichen gegen Wildheit, Zufall und Poesie.
Ein Leben ohne den Duft einer Rose.
Ohne Lavendel, frisch geschnitten.
Ohne den kleinen nachbarschaftlichen Austausch über Gartenträume und missratene Tomaten.
Wobei – vielleicht tauscht man sich doch aus:
über Kiesgröße, über den neuesten Nippes zwischen dem Graugewürge der Steine,
und wo man die Deko-Kugeln (größer als Christbaumkugeln, aber ähnlich sinnlos) günstig bekommt.
Und wenn man schon im Baumarkt ist – denn wo sonst kauft man Beton, Kies und Grau –
bringt man gleich Grüntot mit:
gegen das eine Löwenzahn, das dem Graue weiter trotzt.
Ordnung muss sein.
Alles an seinem Platz.
Schönheit, Natur, Poesie, Düfte – bitte nicht vor meiner Haustür.
Aber ab und an gibt es sie:
Rebellen.
Rebellinnen, um korrekt zu sein.
Sie stellen Blumentöpfe auf das Kies ihrer Vorgärten.
Ein Sammelsurium der Geschmacklosigkeiten: Plastikromantik aus drei Jahrzehnten.
Doch in allen Töpfen – und es sind nie zwei gleiche – stecken sie:
Blumen der Traurigkeit.
Vertrocknet. Verkümmert. Ungeliebt.
Im Sommer täglich gießen?
Geboten – aber unpraktisch.
Besser: beim nächsten Baumarktbesuch neu kaufen.
Ich nenne das: Einweggärtner.
Gekauft, hingestellt, vertrocknet –
und irgendwann ausgetauscht.
Oder auch nicht.
Und so stehen sie da, die vergessenen Kübel, in Reih und Un-Glied.
Vielleicht liegt es gar nicht nur an der Bequemlichkeit.
Vielleicht haben wir verlernt, wie schön es ist, wenn etwas wächst –
wild, unberechenbar, unperfekt.
Und manchmal frage ich mich, ob ich später einmal genauso blind würde,
wenn die Farbe aus meinem Leben weicht.
Vielleicht brauchen wir wieder mehr Poesie vor der Haustür.
Oder wenigstens den Mut, einen Löwenzahn leben zu lassen.