Der Chor der (Stadt)-Möwen
6.
Es ist so anstrengend. Wann fing das alles an, so zu werden?
Oder war es schon immer so – und ich bemerke es erst seit ein paar Jahren?
Ich sitze hier und schreibe das gerade auf, weil mir erst gestern eine derart bezeichnende Situation passiert ist. Das, obwohl ich jegliche Konfrontation mit meinen Mitmenschen meide. Weil sie das in der großen Regel nicht mehr sind: Mitmenschen. Ich würde sie eher als Gegenmenschen bezeichnen.
Wen ich damit meine? Euch alle.
Tut mir leid, wenn ich jetzt jemanden einschließe, der nicht so ist.
Aber hey – selbst du, oder gerade du, wirst meinen Frust verstehen.
Ich ging gestern meines Weges, wie immer ohne Handy vor der Nase.
Ich erwähne das, weil dies eine Ausnahme zu sein scheint und der Leser sich ja ein Bild machen soll.
So ging ich also dahin und nahm im rechten Augenwinkel einen Pkw wahr, der aus der 30er-Zone kam. Eigentlich ein normaler Vorgang.
Weil er freie Sicht hatte, konnte er mich gut sehen.
Er würde gleich nur etwas langsamer werden, um mich sicher vorbeigehen zu lassen.
Schließlich ging ich auf dem Bürgersteig, den er überqueren musste.
Ein ganz normaler Ablauf, der tausendmal in einer Stadt passiert.
Zumindest dachte ich das.
Was aber wirklich geschah, war Folgendes: Das Auto verlangsamte zwar auf Schritttempo, fuhr aber stetig weiter, direkt auf mich zu.
Es war kein Versehen, kein Unterschätzen der Situation – es war schlichtweg provokant.
Alles schrie danach, mir nonverbal mitzuteilen:
„Wenn du schon vor meinem Auto herlaufen darfst, dann provoziere ich dich wenigstens damit, dass ich so eng an dir vorbeifahre, dass du Angst bekommst.“
So fühlte es sich an.
Aber um sicherzugehen, dass ich nicht spinne – und nicht nur eine alte Frau am Steuer saß, die nicht über das Lenkrad ihres Panzer-SUVs schauen konnte –, blickte ich durch die Windschutzscheibe meines kleinen Sparringpartners.
Statt einer alten Frau saß dort ein Mann, um die siebzig.
Und er genoss die Situation sichtlich.
Er forderte mich mit seinem Blick auf, zu reagieren, damit die Sache eskalieren konnte.
Tat ich aber nicht.
Zumindest einer in dieser Begegnung sollte die Würde behalten – etwas, das mein Gegenüber längst verloren hatte.
So kann man das sagen.
Oder anders ausgedrückt:
Ein Arschloch reicht.
Nicht nur mir ergeht es so.
Es gibt unzählige Situationen, die ich ständig beobachte, in denen jemand meint, er sei im Recht – und das dann aggressiv einfordert.
Oft lächle ich diese Idioten sogar an.
Aus Reflex.
Nicht zur Provokation, sondern weil sie mir leidtun.
Ich nenne sie: den Chor der Möwen.
Angelehnt an den Animationsfilm aus dem Jahr 2003, in dem eine Schar Möwen ständig krächzt:
„Meins, meins, meins.“
Ich glaube, seitdem ist das so.
Denn ich habe einmal gelesen, dass Menschen heimlich Informationen untergeschoben werden, wenn sie einen Film sehen.
Ich meine nicht den dummen Versuch, uns weißmachen zu wollen, dass sich jeder, wenn er nach Hause kommt, erst mal Rotwein in den Kopf haut oder ähnlichen Unsinn.
Nein – ich meine jene Theorie, nach der zwischen den einzelnen Bildern Millisekunden versteckte Botschaften liegen, die unser Gehirn aufnimmt, ohne dass wir sie bewusst wahrnehmen.
Ich persönlich halte das für Blödsinn und lege es in dieselbe Schublade, in der auch die angeblich nie stattgefundene Mondlandung und der angebliche frühe Tod von Paul McCartney liegen, der ja bekanntlich durch einen Doppelgänger ersetzt wurde.
Aber die Möwen-Theorie – die hat was.
Nicht nur, weil die Menschen mittlerweile ebenso innerlich „meins, meins, meins“ schreien, sondern auch, weil Möwen überall hinkacken.
Nicht falsch verstehen – Menschen tun das nicht.
Noch nicht.
Aber die Vorstellung, dass so eine Menschenmöwe mal von oben angekackt wird, treibt mir ein Lächeln ins Gesicht.
Und sind wir ehrlich:
Man sagt, wir stammen von den Affen ab – aber Ähnlichkeiten mit Möwen haben wir auch.
Ein Tier, das alles frisst, was glänzt.
Laut, nervös (außer einer – zu der komme ich gleich), hungrig, immer im Schwarm, aber unfähig, allein zu sein.
Denn: Sind wir nicht längst ein Volk von Stadtmöwen geworden?
Flatternd, kreischend, auf der Suche nach dem nächsten Stück Aufmerksamkeit?
Wir haben das Meer verloren – aber das Schreien bekommen.
Das Meer: Ruhe, Weite, Sinn, Zusammenhalt.
Deshalb kann man sie hören, die Möwen.
Sie gehören zum Klang des Meeres dazu.
Schweigen sie, fehlt etwas.
Doch unter Menschen sind sie nur wenige unter vielen.
Dabei mag ich eigentlich Möwen.
Jedes Jahr fahren wir ein- bis zweimal ans Meer.
Und jedes Mal an die gleiche kleine Fischbude, um Kibbeling zu essen.
Ich freue mich immer darauf, weil dort immer die eine Möwe sitzt und mich anschaut, als habe sie nur auf mich gewartet.
Nicht fordernd, sondern wissend.
Um sie herum flattern andere Möwen, aber keine traut sich, in ihre Nähe zu kommen oder einen Teil ihrer Beute einzufordern.
Nein – was sie von mir bekommt, gehört nur ihr.
Ich weiß, dass ich wahrscheinlich nicht ihr einziger Kunde bin.
Ich bin ja nicht bescheuert.
Aber es fühlt sich genauso an.
Dieses Gefühl nehme ich jedes Mal mit nach Hause.
Ich versuche, unvoreingenommen gegenüber meinen Mitmenschen zu bleiben.
Denn schließlich hat so eine Stadtmöwe es nicht einfach: ständig der Kampf um den besten Kadaver, stürmische Winde, die das Federkleid zerrupfen, und dazu dieser ständige Geltungsdrang, die eine einzigartige Stadtmöwe zu sein.
Vielleicht sollte ich anfangen, Kibbeling mit Pommes an meine Mitmenschen zu verteilen.
Zumindest denen, die Smoothies trinken.
Ein wenig Nähe aufbauen.
Und wenn es gut läuft, bekommen sie auch ein Stück Kibbeling, von dem ich noch nichts abgebissen habe.