Der Hund

Der Hund

Der Hund


Diese Geschichte handelt von – Sie ahnen es sicher schon – einem Hund. Es ist die Sorte Hund, die immer da ist und doch nie stört. Den man nicht Gassi führen muss oder zum Tierarzt bringt. Eine Steuermarke habe ich ebenfalls noch nie an ihm gesehen. Vielleicht auch deshalb nicht, weil ich inzwischen weiß, dass er sein eigener Herr ist. Oder sagt man in diesem Fall: sein eigenes Herrchen? Wie dem auch sei, er ist ein Streuner – allerdings mit klar festgelegten Grenzen. Ich glaube nicht, dass sie ihm jemand diktiert hat. Nein, er wurde noch nie außerhalb unseres Dorfes gesehen. Als wüsste er genau, wo sie verlaufen. Zwar haben einige schon darüber diskutiert, ob die Kuhwiese der Meiers nicht doch ein Stück in die Nachbargemeinde hineinragt. Aber ich denke, das sollten wir im Hinblick auf die Ortsverbundenheit des Hundes nicht allzu streng sehen. Wer es genau wissen will, mag ja gern aufs Amt gehen. Mir persönlich genügt die Aussage des Hundes. Wobei „Aussage“ bitte nicht wörtlich zu nehmen ist, denn ich orientiere mich an seinen Reviermarkierungen – genauer gesagt an den Pfützen, die er hinterlässt. Mit den Jahren fällt es mir immer leichter, sie zu erkennen. Nicht nur an der gelblichen Verfärbung im Schnee, der in unseren Breitengraden ohnehin seltener wird. Inzwischen brauche ich diese Zeichen gar nicht mehr. Ich kenne sein Revier. Und meines. So wie er mich kennt – und alle anderen Bewohner unseres Dorfes. Doch keiner von uns kennt ihn wirklich. Sicher, wir nehmen ihn wahr. Wir wundern uns, wenn er einmal ein paar Tage verschwindet. Viele machen sich dann sogar Sorgen. Ich eingeschlossen. Aber kennen – im Sinne von wissen, was er fühlt oder denkt – das tun wir nicht. Selbst die belesensten und selbsternannten Hundeflüsterer sind an ihm gescheitert. Ich meine, man – und besonders sie – will doch helfen. So ein armes Geschöpf braucht doch ein Dach über dem Kopf, Instantfutter und ein bequemes Bett. Und wenn das schon nicht möglich ist, dann wenigstens einen Platz auf einem Sofa. Mit Kamin, versteht sich.

Er jedoch lehnt all das ab. Nicht mit Knurren, Bellen oder Beißen. Sondern nur mit einem Blick. Mit den Jahren hat sich allerdings auch sein Blick verfeinert. Wobei – vielleicht hat sich nur mein Blick auf ihn verändert. Früher glaubte ich, in seinen Augen lägen Dankbarkeit und Güte – dass er allein aus Stolz oder vielleicht aus einer Art Scheu über sein wildes Äußeres kein Heim annehmen wollte. Ein nobler Akt sozusagen, den man mit regelmäßigen Versuchen der Domestizierung irgendwann brechen könnte. Heute denke ich, vielleicht hat er etwas Ähnliches über uns gedacht. Nicht, dass er uns hätte zähmen wollen. Eher, dass wir irgendwann aufgeben würden. Deshalb sehe ich inzwischen nur noch so etwas wie Verachtung in seinem Blick, wenn wieder jemand einen Versuch startet. Doch diese Versuche sind über die Jahre rar geworden. Vielleicht, weil sich die Einsicht durchgesetzt hat, dass man dem Dorf etwas nähme, läge der Dorfstreuner plötzlich vor einem Kamin, statt seine gewohnte Routine zu erfüllen. So oder so – es wird nie geschehen. Dessen bin ich mir sicher. Zu behaglich ist seine Unterkunft. Zwar besitzt er keinen Kamin, auch wenn es im Stadtrat einmal entsprechende Überlegungen gab. Aber er hat ein Dach über dem Kopf und einen Blick auf den Fluss.

Es ist lange her, dass sich im Dorf herumsprach, man wisse nun, wo der Hund sein Lager habe. Viele hatten sich nicht einmal die Mühe gemacht, darüber nachzudenken. Schließlich konnte er sich überall niederlassen. Selbst Orte, die für gewöhnliche Hunde tabu gewesen wären, standen ihm dank seines Kultstatus offen. Warum also sich binden, dachten viele. Doch es gab diesen einen Ort. Unter einer vergessenen Brücke. Daher auch der Flussblick – Sie ahnen es sicher. Es dauerte nicht lange, bis man eine Kommission zur Erhaltung dieses Platzes bildete. Ich glaube allerdings nicht, dass der Hund das wollte. Nein, die Menschen wollten einen Ort, um ihr Gewissen zu beruhigen. Oder vielleicht schlicht ein Ziel für ihren sonntäglichen Spaziergang. Bevor dieser – nennen wir ihn der Einfachheit halber Hundeschlafplatz – aktenkundig hinterlegt werden konnte, musste er natürlich verschönert werden. Erst dann würde er, laut Bürgermeister, seinen richtigen Namen erhalten. Einen Namen, der einige Tage zuvor in geheimer Stichwahl bereits ermittelt worden war:

Sondernutzungszone zur kulturhistorischen Bewahrung spontan gewachsener canider Aufenthaltsarchitektur mit landschaftsästhetischem Mehrwert.

Die wenigen Gegenstimmen zu dieser Bezeichnung kamen von den Praktikern des Dorfes. Na gut, genauer gesagt, vom Schildermacher, der sich nicht vorstellen konnte, ein derart gewaltiges Schild anbringen zu können, ohne dabei den natürlichen Zustand des Habitats – wie er es nannte – zu verschandeln. Dieses Argument ließ nicht nur meine Augenbraue nach oben schnellen, sondern auch die einiger anderer Mitglieder des Stadtrates. Schließlich war es ein bemerkenswerter Satz für einen Schildermacher, der nach Buchstaben bezahlt wird. Doch auf Nachfrage stellte sich heraus, dass es ihm lediglich darum ging, nicht genügend Buchstaben auf Lager zu haben, da die aktuellen Lagergebühren, wie er erklärte, exorbitant gestiegen seien. Man beratschlagte sich und war der Meinung, der Platz würde ohnehin Monate benötigen, bis er eine adäquate Präsenz vorweisen könne. Zuzüglich der üblichen Verzögerungen von ein bis zwei Jahren sei somit ausreichend Zeit, die fehlenden Buchstaben zu beschaffen. Der Schildermacher hielt daraufhin seine Hände vor sich und begann, mit jedem Finger zu zählen.
Was wir als Zustimmung deuteten.

Ich muss mich entschuldigen, falls der letzte Abschnitt für Sie zu ausführlich war. Schließlich wollen Sie – wie die meisten Menschen – mehr über den Hund lesen. Der, wie ich vermute, von alledem noch nichts mitbekommen hat. Der Hund also, dessen Fell nicht flauschig und weich war, sondern eher naturbelassen, zottelig und verfilzt, war in etwa einen halben Meter kürzer als das Schild. Doch das schien niemanden zu stören – ihn selbst am wenigsten. Und hätte er wählen müssen, hätte er gewiss keines gewollt, dessen bin ich sicher. Hätte man ihn dennoch gezwungen, hätte er vermutlich schlicht das Wort „Hund“ gewählt. Nicht, weil er betitelt werden wollte, sondern um sicherzugehen, dass er sich wenigstens an diesem Ort abgrenzen konnte. Nun musste also dieser Platz verschönert werden. Nicht nur wegen des zu erwartenden Schildes – nein, auch weil er sich als Pilgerstätte für allerlei Hobbyisten eignete. Die Älteren unter uns dachten an Tierfilmer, Ornithologen – wobei man Letzteren rasch erklären konnte, dass sie sich ausschließlich für Vögel interessieren –, an Maler oder Poeten, die sich gewiss inspiriert fühlen würden. Die Liste der Jüngeren war deutlich kürzer, enthielt jedoch, wie sie betonten, mehr Potenzial: Influencer. Weil sie wussten, dass die meisten von uns mit diesem Begriff wenig anfangen konnten, schrieben sie erklärend dahinter: Personen, die sich davor stellen und ein Selfie machen. Wir nahmen das zur Kenntnis. Einwände erhob niemand.

Doch es ist eine Sache, etwas zu beschließen, und eine andere, es zu tun. Einige von uns waren der Ansicht, man solle von Grund auf beginnen: alles leer räumen und frischen Rasen säen. Danach könne man entscheiden, was am besten aussehe. Viele nickten zu diesem Vorschlag. Das taten sie allerdings meistens, um nicht selbst entscheiden oder eigene Vorschläge machen zu müssen. Zum Glück konnten sich jene durchsetzen, die die Sache eher natürlich angehen wollten. Schließlich ginge es hier nicht – wie sie es nannten – um ein Projekt in „Schöner Wohnen“. Obgleich dies doch unser selbst ernannter Auftrag war. Am Ende ließen wir den Platz im Wesentlichen so, wie er war, änderten lediglich den Zugangsweg ein wenig. Statt über plattgetretenes Gras oder durch blühende Felder gelangte man nun menschenfreundlich zunächst über Asphalt und die letzten zehn Meter über Schotter zu dem Schild. Das allerdings noch nicht angefertigt war. Es gab Lieferschwierigkeiten mit dem Buchstaben E. Wie auch immer – ein Wanderparkplatz mit Abzweigung zum Schotterweg war bereits nahezu fertiggestellt. Dazu ein Hinweis, wo sich die beste Beobachtungswarte befinde, um den Hund in seinem natürlichen Habitat ungestört beobachten zu können. Ob ungestört für den Hund oder für die Menschen, ließ man dabei bewusst offen. Man gönnte dem geneigten Beobachter sogar ein fest verankertes Teleskop, das exakt auf den Aufenthaltsort des Hundes gerichtet war – sofern er denn anwesend war. Für die junge Generation, also Menschen unter fünfzig Jahren, musste man natürlich eine passende Stelle einrichten, damit sie ein Selfie machen konnte. Hier entschied man sich für ein überlebensgroßes Pappschild des Hundes als Fotomotivwand.

Ich persönlich war der Meinung, dies würde bei den Jüngeren nicht gut ankommen – schließlich waren sie ja wegen des echten Hundes gekommen. Doch zu meiner Überraschung stellte sich eher das Gegenteil heraus. Das Pappschild wurde sehr gern als Motiv genutzt. Denn, wie die meisten sagten, der Hund darauf sehe so süß aus. Damit hatten sie zwar recht. Die meisten erfuhren jedoch nicht, dass es sich dabei gar nicht um den richtigen Hund handelte, sondern um ein Modell, teuer eingekauft für das Fotoshooting. Doch das Geld amortisierte sich relativ schnell. Zumal, wie einige Selfie-Enthusiasten meinten, es doch viel angenehmer sei als ein echter Hund, der womöglich stinke, Haare verliere oder – schlimmer noch – Flöhe habe. Abgesehen davon war das Pappschild – im Gegensatz zu seinem tierischen Vorbild – immer da. Und wer schon einmal einen Walausflug mitgemacht hat, ohne einen Wal zu sehen – stattdessen lediglich eine Wasserschildkröte, die merkwürdigerweise stets in der Nähe einer Boje schwimmt, als hätte man sie dort unsichtbar angeleint –, der weiß, wie enttäuschend es ist, keine riesige Schwanzflosse zu Gesicht bekommen zu haben. Apropos Schwanzflosse: In den Sommermonaten, der eigentlichen Selfie-Primetime, haben wir ein kleines Büdchen, das ursprünglich einmal zum Erdbeerverkauf genutzt wurde, zu einem Souvenirladen umgebaut. Ein voller Erfolg – nicht nur für die Kundschaft, nein, auch für den örtlichen Frauenverein, der endlich seine über Jahrzehnte erlernte und bislang nur mündlich überlieferte Handarbeit präsentieren konnte.

Der Stand profitierte erheblich davon. Gab es doch nun selbstgemachte Hunde aus Wolle, Holz, Seife und sogar aus Silber und Gold. Letztere allerdings nur auf Nachfrage – dafür inklusive Lieferkosten. Diese plötzlich sehr geschäftstüchtigen Frauen machten sich zudem dafür stark, einen Hundefonds anzulegen. Ein wenig beschämend für uns vom Stadtrat, dass wir nicht selbst darauf gekommen waren. Entsprechend ging der Beschluss, einen solchen Fonds zu gründen, in der ersten Sitzung einstimmig durch – ohne dass wir gewusst hätten, worin investiert oder wofür mögliche Gewinne verwendet werden sollten. Nicht, dass wir dem Hund nicht auch etwas Gutes hätten tun wollen. Doch bereits bei der Planung – und besonders bei der Umsetzung – seiner Aufenthaltsstruktur hatten wir bemerkt, dass er kein großer Freund jeglicher Art von Zuwendung war. Das teuerste Futter, die dickste und – nebenbei bemerkt – ebenfalls teuerste Wolldecke verschmähte er. Gerade bei ihr hatten wir es immer wieder versucht. Und als wir schließlich dachten, er nehme sie an und ziehe sie in sein Hundenest, pinkelte er lediglich darauf. Ich erinnere mich nur zu gut daran. Und es schmerzt mich jedes Mal aufs Neue. Mit dem Futter war es nicht anders. Niemand wusste, was er eigentlich fraß – nur, dass er sich strikt weigerte, etwas von uns anzunehmen. Ein Totalverweigerer also. Unangepasst, nicht fordernd, sich nicht beklagend – und dabei schien er auch noch glücklich zu sein. Mit einem Wort: unmenschlich.

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