Der Vampir

Der Vampir
Neues Romanprojekt

Ich arbeite an einem neuen Roman.

Ein erstes Kapitel veröffentliche ich hier als Einblick in das entstehende Manuskript. Der Text befindet sich im Prozess – und darf sich verändern.

Das hier gezeigte Cover ist ein vorläufiger Entwurf. Es ist kein festgelegtes Versprechen, sondern eine visuelle Annäherung. Geschichten beginnen oft mit Bildern – und auch wenn sich vieles noch verschiebt, hilft mir das Bild, die Richtung zu halten.

Wer möchte, kann den Anfang unten lesen.


Kapitel 1

Tokio, heute.

Zeit ist hier keine Linie. Sie ist eine Reklametafel. Sie wechselt, ohne dass es jemand bemerkt. Für mich bedeutet sie nichts mehr – nur den Abstand zwischen zwei Sonnenuntergängen. Ich kenne die Zwischenräume dieser Stadt. Die Orte, an denen kein Reiseführer je innehält. Hinterausgänge. Dächer. Automatenhallen, die nie ganz schließen. Dort, wo Hunger ehrlicher ist als Neugier. Über allem wächst das Licht. Es kriecht an Fassaden hinauf, legt sich auf Asphalt, hängt zwischen den Hochhäusern wie ein künstlicher Himmel. Selbst der Mond wirkt hier wie eine schlecht gewartete Straßenlaterne. Tokio war einmal Holz und Papier. Tempelrauch und leise Schritte. Heute ist es Glas, Bildschirm, Oberfläche. Was einmal stolz war, ist nun hell. Sie strömen in Schwärmen durch die Straßen, zielstrebig wie Insekten. Von Logo zu Logo. Von Versprechen zu Versprechen. Fett glänzt auf Papier, Zucker in Plastik gewickelt, Glück in grellen Farben. Und wenn sie zufällig auf einen Rest Schatten stoßen, zögern sie nicht. Sie heben ihre Telefone. Ein kaltes Leuchten sickert in die Dunkelheit, bis auch sie harmlos geworden ist.

Die Nacht schrumpft hier. Es gibt keine Geheimnisse mehr – nur schlecht ausgeleuchtete Flächen. Kein Rätsel, das nicht von einem Bildschirm beantwortet wird. Alles ist sichtbar. Und gerade deshalb bleibt so vieles ungesehen. Tokio ist keine Stadt. Tokio ist eine Entscheidung gegen die Dunkelheit. Nachts jedoch – wenn der Regen fällt und das Neonlicht sich in Pfützen bricht – wird sie weich. Dann wirkt selbst das Grelle müde. Schritte hallen gedämpft. Züge ziehen durch die Dunkelheit wie Gedanken, die man nicht abschütteln kann. Tokio schläft nicht. Es überblendet.

Ich lese diese Zeilen ein zweites Mal. Irgendetwas fehlt. Ein Riss. Ein Schnitt. Wie beschreibt man eine Stadt, mit Eifer und Feuer, in der man seit Jahrhunderten lebt? Alles wirkt auf mich selbstverständlich. Abgenutzt. Ich schreibe trotzdem weiter:

Und doch spüre ich es deutlich: Diese Stadt braucht keinen Helden, der gegen Monster kämpft. Die Monster kommen allein zurecht. Sie braucht jemanden, der das Licht löscht. Nicht die Sonne. Nur die Reklamen. Der lautlos und mit Würde gegen das grelle Dauerleuchten dieser Zeit vorgeht. Lautlos mordet—

Nein. Das schreibe ich besser nicht. Ich formuliere es anders:
Der lautlos und still, aber mit Würde gegen die Plagen unserer Epoche kämpft.

Das klingt passabel. Jetzt bin ich durstig.

Zum Glück steht noch ein Liter frisch gezapftes Blut auf der Heizung. Warum in all diesen Romanen ständig behauptet wird, wir lagerten Blut im Kühlschrank, war mir nie klar. Ich bevorzuge Körpertemperatur. Man hat schließlich Ansprüche. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass der Mann, von dem es stammt, sein Schnitzel ebenfalls nicht halbgefroren mochte.