Die letze Antwort
4.
Letzten Sommer – ich war stundenlang am Strand entlanggegangen.
Barfuß, natürlich. Was sonst hätte Sinn ergeben. Genau in diesem Moment ereignete sich das kleine Schauspiel, von dem ich erzählen will.
Ein- oder zweimal im Jahr komme ich ans Meer. Um meiner Seele Urlaub zu gönnen. Um meine Füße das kalte Wasser spüren zu lassen, das sich um sie windet, sie manchmal tief in den Sand zieht, wenn es mit Kraft zurückströmt. Und obwohl dieses winzige Drama nur in meiner kleinen Welt geschieht, fühle ich die ungeheure Stärke, die das Wasser in sich trägt. Doch selbst der längste Gang am Ufer – immer an der Grenze zwischen dem Wasser, gestrandeten Quallen und halb verzehrten Krabben – findet sein Ende.
Und jedes Mal stellt sich dieselbe Frage: Wie befreie ich meine Füße vom Sand, um die Schuhe wieder anzuziehen, ohne das Gefühl, auf Schmirgelpapier zu laufen?Manchmal, wenn man Glück hat, gibt es dort, wo der Pfad durch die Dünen beginnt, eine Dusche.
Fast immer neben einer Strandbar. Und ich habe mich oft gefragt: Was war zuerst da – der Pfad oder die Bar? Wenn es eine Dusche gibt, beginnt das Schauspiel des „menschlichen Flamingos“: auf einem Bein balancierend, den Fuß trocknend, in den Schuh schlüpfend – stets in Gefahr, erneut bespritzt zu werden, diesmal im Nacken.
Manche verlassen diesen Ort mit rotem Gesicht, wie Flamingos. Ich jedoch bin einen Schritt voraus. Ich ignoriere die Einladung, mich selbst zum Schauspiel zu machen. Stattdessen setze ich mich gewöhnlich auf eine Stufe oder eine Holzbank und reibe den Sand von meinen Füßen, bis sie trocken sind. Das funktioniert erstaunlich gut, wenn man sich ein wenig Zeit nimmt – und vielleicht darf man nebenbei noch einen Flamingotanz beobachten.
Genau in dieser Situation hörte ich es zum ersten Mal:
Klack.
Es kam von den Stufen neben mir. Die meisten beachten die Treppe kaum – nur ein Mittel zum Zweck.
So war es auch für mich. Bis zu diesem ersten Klack. Dann ein zweites. Und als ein drittes und viertes Klack im selben Rhythmus erklangen, sah ich auf. — Ein paar Stufen höher – nicht so weit, dass ich sie nicht hätte klar erkennen können – stand eine alte Frau.
Ihre zerbrechliche Gestalt stemmte sich gegen den starken Wind, ein weiter Hut tief ins Gesicht gezogen, der Körper nach vorne geneigt – fast gebeugt, wie es bei sehr Alten manchmal ist. Mit der linken Hand krallte sie sich mit gekrümmten Fingern ans Geländer.
In der anderen: ein Stock. Sie setzte ihn ab, in ihrem eigenen Rhythmus, jedes Mal auf die nächste Stufe:
Klack.
Dann, unbeirrbar, stetig: rechter Fuß, linker Fuß. — Die ganze Szene wirkte unwirklich. Um mich der böige Wind. Die Wellen, die an den Strand krachten.
Der Horizont: eine dunkle, schwere Linie zwischen Grau und Schwarz.
Doch die alte Frau schien nichts davon wahrzunehmen. Unerschütterlich, wie ein Uhrwerk, stieg sie hinauf – jedes
Klack
ein weiterer Schritt. Sie war fast oben.
— Ich ertappte mich bei dem Gedanken, ob ich nicht schon mehr als siebzig Klacks gezählt hatte. Denn ich wusste: Vollendung lag bei vierundachtzig. Hier, auf dieser Treppe. Vierundachtzig Stufen.
Jede ein Klack. Einmal hatte ich sie gezählt – man weiß nie, wann solches Wissen nützlich ist.
Und ich ertappte mich dabei, diesem Augenblick Bedeutung geben zu wollen. Vielleicht war sie wirklich vierundachtzig Jahre alt. Vielleicht war das die Erklärung. Oder die Treppe hatte vierundachtzig Stufen, weil die alte Frau sie im Rhythmus ihrer Jahre erklomm. Das ergäbe Sinn – denn wäre sie vierundneunzig gewesen, hätte die Treppe gewiss vierundneunzig Stufen gehabt.
— In solche Gedanken versunken, hätte ich beinahe verpasst, wie sie die letzte Stufe erreichte. Nun stand sie im Sonnenschein. Um des Schauspiels beraubt, begann ich selbst zu steigen.
Je höher ich kam, desto seltsamer erschien es, dass das Klacken im selben Moment verstummt war, als sie oben angekommen war. Hätte sie angehalten – ich hätte sie sehen müssen. Doch da war niemand. Nicht einmal der Wind. Nur eine Stille, wie man ihr selten begegnet.
— Einst, dachte ich mit Douglas Adams, war die Antwort auf alles die Zahl 42. Heute weiß ich: Manchmal verdoppelt das Leben seine Antworten.