Die Schule
Es geht uns gut. Sicher, es war einmal besser. Aber wir sind zufrieden. Wir genießen die Ruhe und die wenigen Menschen in unserer Nähe. Es gab Zeiten, da konnte man vor lauter Lärm Mittags nicht schlafen. Diese Zeiten waren auch nicht einfach. Man will ja nicht derjenige sein, der spielende Kinder anschreit. Besser für sie wäre es vielleicht gewesen. Und ganz sicher für meinen Seelenfrieden. Aber das sind nur Erinnerungen.
Heute leben mein Mann und ich immer noch hier. In dem Haus seiner Großeltern. Wer hätte gedacht, dass ein deutsches Fernsehteam uns besuchen würde? Deshalb sitzen wir jetzt hier, auf der Sitzbank vor unserem künstlichen Weihnachtsbaum. Der eigentlich nicht unserer war, aber in der Nachbarschaft nicht mehr gebraucht wurde. Ich weiß nicht einmal mehr genau, aus welcher Straße wir ihn haben. Nur, dass nichts mehr ist, wie es war. Der Lauf der Zeit macht alles irgendwann gleich. Wir, mein Mann und ich, halten sie an diesem Ort noch ein bisschen an. Ja, wir sorgen sogar für neue Menschen, auch wenn sie nur kurz bleiben und Englisch mit uns sprechen. Aber immerhin. Mein Mann jedenfalls sieht heute richtig gut aus. Wirklich. Er hat ein frisches Hemd angezogen. Das Hemd, das er sonst immer nur zur Kirche getragen hat. Ich hatte fast vergessen, dass er es noch besitzt. In den letzten Jahren trug er es nicht. Es gab keinen Grund. Dabei hätte es genug Gründe gegeben. Jeder einzelne für sich. Aber es waren so viele Gründe auf einmal, dass man sich mit ihnen auf eine nicht schickliche Art hatte befassen müssen. Und obwohl es so kalt war, schwitzten mein Mann und ich bei unserer Aufgabe. Keine schöne, möchte ich dazu sagen. Das ein oder andere Mal habe ich mich gefragt, warum ich keinen Mut hatte zu schreien. Oder zumindest den Mut, alle um mich herum zu verscheuchen. Wir waren alt, da spielt das Unausweichliche keine Rolle mehr. Aber die anderen waren noch so jung, gemessen an uns.
Wir leben in einem kleinen bäuerlichen Dorf. Ich würde wetten, dass wir auf keiner deutschen Karte zu finden sind. Und doch werden wir gleich interviewt. Was soll ich sagen? Hallo, ich bin Magda, das ist mein Mann Ivan. Wir beide sind Selbstversorger. Eigentlich sind wir das nicht. Wir sind Menschen, die hier leben, wo es weit und breit keinen Supermarkt mehr gibt. Was würdet ihr dann in Deutschland machen? Und bevor ihr fragt: Nein, einen Lieferdienst gibt es hier auch nicht. Auch nicht per Drohne. Selbst wenn – ich würde in den Keller rennen, so wie ich es immer mache, wenn eine über uns schwebt. Ich hasse diese Dinger. Ich weiß noch, wie unser Enkel auch so eine Drohne wollte. Damals war es nur ein teures Spielzeug. Ein Witz der Geschichte, dass er nie eine bekommen hat.
Wobei – er hat eine bekommen. Aber ich bin mir nicht sicher, ob er sie wirklich wahrgenommen hat. Fragen kann ich ihn leider nicht mehr.
Mir ist es auch ein Rätsel, wie diese Dinger so viel Last tragen können. Vielleicht, weil sie – anders als ein Bumerang – nicht zurückkommen wollen, wie unser Enkel. One-way-Terror, schießt es mir durch den Kopf. Wahrscheinlich, weil ich gleich mit den Deutschen Englisch sprechen muss. Mir wäre lieber, mein Mann könnte mit ihnen reden, doch der hat in der Schule nur Russisch gelernt. Die Schule … ach Gott. Das war die erste, die nicht mehr da war. Kann man sich das vorstellen? In einem Augenblick hört man diese typischen Geräusche von spielenden Kindern auf dem Pausenhof. Mein Mann und ich brauchten oft keine Uhr, weil wir immer wussten, wann es acht Uhr war und wann neun Uhr dreißig, bis hin zu dreizehn Uhr. Das Schellen der Schulsirene. Sirene? Nein, das Wort ist wirklich schlecht gewählt. So oder so: In dem größten akustischen Chaos, als ob die Kinder gespürt hätten, dass sie noch ein letztes Mal alles geben müssten, gab es einen Knall, der so laut war, dass man ihn als solchen gar nicht wahrnahm. Bestimmt ein Schutzmechanismus des menschlichen Körpers. Wie bei Kopfhörern – die kann man auch nicht so laut machen, dass einem die Ohren beschädigt werden. Als mein Mann und ich dann wieder aufstanden – wir lagen seltsamerweise auf dem Boden –, Schutt und Glassplitter auf uns, schauten wir aus unseren nicht mehr vorhandenen Fenstern. Was wir erst im Nachhinein bemerkten. Wir dachten, wir schauten aus dem Fenster, dabei blickten wir direkt auf die Schule, weil die Wand unseres Hauses nicht mehr da war. So wie die Schule. Nicht mehr da. Nur ein riesiger Krater.
Implodiert, denke ich heute, wenn ich die Wahrheit mal wieder nicht wahrhaben will. Denn was wir sahen, war so friedlich. Es herrschte absolute Stille. Weil wir taub waren – aber das bemerkten wir erst später, als wir versuchten, uns zu fragen, ob es uns gut geht. Das ging aber gar nicht. Irgendjemand hatte unsere Stimme geklaut. Oder besser gesagt: alle Stimmen dieser Welt. Wir gerieten in Panik, als wir nach und nach bemerkten, dass unser Haus nur noch eine Ruine war. Zu schrecklich der Anblick der zerfetzten Gegenstände. Dinge lagen vor mir, die ich seit Jahren nicht mehr gesehen hatte, die ich verstaut hatte in einer Kiste mit der Aufschrift: Man weiß ja nicht, wofür noch. Jetzt lagen diese Dinge neben Teilen unseres Fernsehers, unserer Wand und etwas, das einmal unser Bett oder unser Sofa gewesen war – so genau konnte ich das nicht sehen. Das Einzige, was uns ein wenig Frieden brachte, war der Blick in die Richtung der Schule. Die ja nicht mehr da war. Aber die Sonne im Hintergrund war trotz des immensen Knalls noch immer nicht ganz wach und reckte sich hinter einem Hügel empor. Nebel zog aus dem Krater hoch. Und alles war so friedlich.
Bestimmt fragen sie uns gleich, warum wir noch hier sind. Wo die Gefahr doch jeden Tag größer wird. Ich habe lange darüber nachgedacht, was ich antworten soll. Am Ende bin ich zu dem Entschluss gekommen, dass diese Frage bescheuert ist. Erstens gibt es in unserem Land keine Sicherheit mehr. Also wohin? Dorthin, wo mehr Menschen sind, dazu noch mit Kindern? Jede Mutter würde sich von mir abwenden, wenn sie meine Geschichte kennen würde. Das ist doch die, die überlebt hat, in dem Dorf, wo alle gestorben sind. Ich war ein Leben lang in dieser Schule. Sie war mein Leben. Doch auch ein Leben geht einmal in Rente. Wobei – so ganz war ich nicht weg. Fast täglich war ich noch da, um auszuhelfen. Doch nach und nach verschwanden die Familien, zogen in Orte, die sicher waren. Und mit ihnen die Lehrer. Nur wenige blieben noch. Vielleicht dreißig von ehemals dreihundert. So blieben mein Mann und ich. Er als Hausmeister, ich als Vertretung. Es fühlte sich immer noch gut an, ein Teil der Schule zu sein. Schließlich war mein Großvater der erste Schuldirektor dieser Schule. Später meine Mutter. Und am Ende ich. Wobei – ich hatte noch einen Nachfolger. Aber in der Geschichtsschreibung wird er nicht weiter auftauchen. Mein Großvater höchstpersönlich hatte also die ersten Kinder dieser Schule begrüßt. In den Trümmern unseres Hauses fanden wir nach wenigen Tagen noch die Kiste mit den Familienfotos. Mit der Geschichte der Schule. Wir haben uns immer amüsiert, weil Großvater auf dem Schwarz-Weiß-Foto mindestens genauso stolz aussieht wie seine Schulklasse vor ihm. Ich habe sie einmal durchgezählt.
Es waren auch dreißig.