Die Spinne
- Über das Staunen im Kleinen
Irgendwann war sie einfach da.
Es muss im Frühling gewesen sein.
Sie blieb bis spät in den Herbst hinein.
Ich weiß nicht, was aus ihr geworden ist.
Aber fangen wir besser von vorne an.
Mein Tag beginnt immer mit Kaffee. Oder genauer gesagt: mit dem Kaffee, den ich mir selbst mache.
Heißes Wasser durch einen Papierfilter gießen, direkt in meinen Kaffeebecher.
Den schönen – ein Mitbringsel aus Holland. Und dreimal so teuer wie ein Pfund Kaffee.
Aber der Shop, in dem ich ihn gekauft habe, hatte auch eine Top-Lage, so am Hafen gelegen.
Wer braucht da noch einen teuren Kaffeevollautomaten, wenn er eine so schöne Tasse hat?
Genau genommen sind es zwei Tassen.
Meine Frau und ich trinken immer paarweise.
Die Sache ist irgendwie nicht rund, wenn einer von uns eine andere Tasse hat.
Wahrscheinlich eine innere Abkehr gegen das lockere WG-Leben, das ich aber nie hatte.
Eines Morgens – ich genoss gerade den ersten Schluck heißen Kaffee mit Blick durch das Küchenfenster.
Was für mein Alter ziemlich gut funktioniert, da ich nur zum Lesen eine Brille brauche.
Deshalb bemerkte ich auch erst nicht, was da so vor meiner Nase hing, nur durch das Fensterglas getrennt.
Ein Punkt tauchte oben links auf, bewegte sich zielstrebig in die Mitte – erst da bemerkte ich den Verursacher meiner Irritation. Um aber zu sehen, was es war, musste ich mir erst meine Lesebrille holen.
Dann war die Sache schnell klar: Wir hatten ein neues Haustier.
Nicht viel größer als ein Stecknadelkopf, aber mit unendlich vielen Metern Garn in seinem Leib –
wie ich bald darauf feststellte.
Der kleine Kerl spann sein Netz wie eine mathematische Formel, stützte es mit Querfäden,
und von innen nach außen wurde es immer luftiger.
Dabei fragte ich mich, ob das jemals Gegenstand einer wissenschaftlichen Untersuchung gewesen war.
Nicht nur die Festigkeit des Gewebes – auch, woher aus so einer kleinen Spinne so viel Netz kommen kann.
Die Spinne war irgendwann fertig, und mein Kaffee kalt.
Es versteht sich von selbst, dass ich von diesem Tag an gelobte,
nichts zu tun, was meinem Haustier schaden könnte.
Ich schaffte es auch den ganzen Sommer über, nicht den Kopf aus dem Fenster zu strecken
und somit im Mittelpunkt des Netzes zu landen.
Fensterputzen ging auch ganz gut, wenn man darauf achtete,
mit dem Lappen nicht zu weit auszuholen.
Dann, nach einigen Wochen, bemerkte ich, dass die Spinne wuchs.
Was mich erstaunte.
Wenn ich Spinnen sehe, denke ich immer: That’s it.
Nicht: Die wächst bestimmt noch.
Was wahrscheinlich daran liegt, dass ich nicht im Amazonas lebe.
Jetzt, wo ich darüber schreibe, frage ich mich, warum ich der Spinne keinen Namen gegeben habe.
Vielleicht, weil ich dachte, es lohnt sich nicht.
Jetzt, wo sie wächst, wird sie bestimmt eh bald Opfer von Vögeln.
Als dann im Sommer mehrere Stürme über unser Haus fegten,
dachte ich ebenfalls: Das war’s.
Aber mit jeder Zerstörung begann sie wieder von vorne.
Anfangs nur handtellergroß, bemaß ihr Werk zum Schluss fast die ganze Fensterfläche.
Als wolle die Spinne den Naturgewalten entgegenschreien,
dass sie es – egal, was komme – mit ihnen aufnehmen könne.
Ja, es sogar noch größer machen könne als vorher.
„Bravo“, dachte ich eines Morgens und salutierte mit dem Kaffee in der Hand meinem kleinen Freund.
Der – wie immer – ließ sich nichts anmerken.
Aber was erwartete ich auch.
War bestimmt anstrengend, so ein Spinnennetz immer wieder neu zu machen.
Es wäre schön gewesen, wenn in ihrem Netz irgendwo eine kleine Botschaft für mich verborgen gewesen wäre.
Eine Beziehung wird schließlich nur so richtig tief, wenn beide etwas geben.
Aber selbst mit Lesebrille konnte ich keine entdecken.
Ich glaube, das liegt auch daran, dass Spinnen Egomanen sind.
Oder hat jemand schon mal ein Spinnenpaar gesehen?
Würde doch eigentlich Sinn machen – so könnten sie sich bei der täglichen Netzpflege abwechseln.
Aber nicht die Spinne. Die bleibt immer solo.
Das einzige Paarsein bei Spinnen kenne ich von der „Schwarzen Witwe“,
aber da ist nach der Hochzeitsnacht auch Schluss mit Paarsein.
Die Witwe ist sexuell befriedigt und satt.
Er war das Menü.
Fort war dann auch irgendwann meine Spinne.
Ihr Netz hing wie ein billig gekauftes Halloween-Gespinst vor meinem Fenster.
Erst wollte ich es hängen lassen, als Deko,
besann mich dann aber eines Besseren –
weil ich diesen Halloween-Schnickschnack nicht mag.
Liebe Spinne,
ich gab dir zwar keinen Namen,
aber einen kleinen Text.
Vielleicht kommst du ja nächstes Jahr wieder.
Oder einer deiner Kollegen –
und ich denke, du bist es.
Wie auch immer:
Ich warte. Wie immer, mit heißem Kaffee.