Die Warteschlange
Nachts, wenn das Licht des Leuchtturms die spiegelnden Teile des Ladens trifft, denke ich oft zurück.
Zurück an eine Zeit, in der man sich hinten anstellen musste. Wie nur selten im Leben beginnt diese Geschichte dort – am Ende. Um genauer zu sein: am Ende einer Warteschlange. Es hatte sich frühmorgens, bevor der erste Hahn krähte, eine Menschenansammlung gebildet. Doch statt einer gewöhnlichen Versammlung war diese anders. Die Menschen stellten sich an, als warteten sie auf den Bus. Dabei fuhr der schon seit Jahren nicht mehr durch diesen verlassenen Ort. Wobei – so genau kann ich das nicht sagen, denn es gab einfach keine Haltestelle mehr. Selbst wenn der Bus noch fuhr, würde er nicht anhalten. Denn jeder weiß, dass ein Busfahrer nur dort hält, wo er darf.
Aber ich schweife ab.
Es gab also eine Warteschlange. Und wie es sich für ein so geartetes Phänomen gehört, hatte sie ein Ende. Genau dort stellte sich der Mensch, von dem ich heute berichten möchte, an. Er stand dort und sinnierte darüber, wie oft er schon Teil solcher Menschenlinien gewesen war. Früher stand er mittwochs morgens vor dem Supermarkt und wartete auf die neueste Maschine. Er hatte sich meist extra freigenommen. Zu spät kommen war keine Option. Mehr Leistung für weniger Geld – jedes Jahr aufs Neue. Wer keine neue Maschine besaß, so glaubte er, blieb zurück. Wo dieses Zurück genau sein sollte, traute sich niemand zu fragen. Denn so, wie er seine Worte wählte, duldeten sie keinen Einwand. Wieso er diese Maschine unbedingt brauchte, wusste er nicht. Aber es würde gut sein, sie zu besitzen. Dessen war er sich sicher. Immer wieder aufs Neue. Er freute sich im Voraus darauf, dass sein Objekt der Begierde bald in seinem Einkaufswagen liegen würde – zwischen Brot, Chips und manchmal auch einem guten Stück Fleisch. Ohne Bio-Aufdruck; das gab es damals noch nicht. Damals musste man sich die Maschinen noch selbst in den Korb legen. Aber das war gut, denn so konnte er den Einkaufswagen bis vor die Haustür schieben. Verboten zwar, aber er würde ihn ja zurückbringen. Etwas entwürdigend war es schon – mit dem Wagen durchs Dorf zu schlendern und den ein oder anderen missbilligenden Blick zu spüren. Aber tragen konnte er – wie die meisten, die eine solche Maschine kauften – mangels Muskelmasse nicht besonders gut. Umso erstaunlicher war es, dass sich nur wenig später jenes immer wiederkehrende Ereignis einstellte. Wenn am Freitagabend die Sonne hinter den Dächern verschwand und das Dorf langsam ruhiger wurde, verließen sie ihre Zimmer. Mit den Maschinen unter dem Arm, sorgfältig verpackt, als trügen sie etwas, das mehr war als nur ein Gegenstand. Man traf sich in Kellern oder Garagen, Räume, die tagsüber kaum eine Rolle spielten. Dort roch es nach Staub und Beton, nach etwas Abgestandenem, das sich nie ganz vertreiben ließ. Doch das war okay, denn sie selbst gehörten hierher. Dort, wo Aussehen keine Rolle spielt. Kabel lagen über dem Boden, Bildschirme tauchten Gesichter in flackerndes Licht. Man saß nebeneinander, oft schweigend, verbunden durch Leitungen und Signale, nicht durch Blicke. Es war eine Form des Zusammenseins, die keiner groß benannte. Man sprach nicht über das, was draußen geschah. Man sprach über Punkte, über Runden, über das, was gerade aufleuchtete und wieder verschwand. Die Waffen bestanden aus Pixel, die Schlachten ebenso, und alles blieb hinter Glas. Frühmorgens verstummten die Geräte. Das Summen der Lüfter klang noch eine Weile nach, dann wurde es still. Einer nach dem anderen packte seine Maschine ein und ging nach Hause. Zurück blieben leer getrunkene Dosen, zerknüllte Verpackungen, verstreutes Knabberzeug auf dem Betonboden. Wenn später eines der Garagentore geöffnet wurde, trieb der Wind die leichten Tüten hinaus auf die Straße. Sie rollten ein Stück über den Asphalt, blieben liegen, wurden weitergetragen. Das Dorf nahm davon keine Notiz.
Die Warteschlange ging ein Stückchen vorwärts. Nicht viel, aber genug, um ihn aus dem Grübeln zu reißen. Doch es dauerte nicht lange, da setzte es wieder ein. Es war, als drängten seine Gedanken darauf, zu Ende gedacht zu werden. Warten hieß Grübeln. Zumindest damals noch. Bevor es Handys gab. Danach agierte man nur noch. Meist mit sich selbst. Vielleicht war es ein Segen gewesen, dass sie irgendwann aus dem öffentlichen Bild verschwanden. So liefen auch weniger Menschen vor den Bus – wenn er denn noch fahren würde.
Er dachte an damals vor dem Supermarkt, als er seine Müdigkeit – er war um fünf Uhr morgens aufgestanden – mit Hoffnung bezahlte. Hoffnung, nicht leer auszugehen. Dabei war er ohnehin seit drei Uhr wach gewesen, vor Aufregung. Er stand auf Platz zehn. Nicht gut, aber auch nicht verloren. Seine Mutter hatte ihn noch gebeten, etwas mitzubringen. Ein Zettel lag auf der Anrichte. Er erinnerte sich, wie genervt er darüber gewesen war.
Ein weiterer Schritt nach vorn.
In einem abgedunkelten Schaufenster sah er sich selbst. Oder vielmehr: sein Spiegelbild. Kurz zögerte er, ob es tatsächlich seines war, denn es schien einen Schritt vor ihm zu machen. Kaum merklich. Fast synchron. Man hätte es für eine Laune der Sonne halten können. Doch etwas stimmte nicht. Er hielt sich noch immer für jung – wie konnte ihm da ein alter Mann entgegenblicken? Es dauerte, bis die Erkenntnis sich in ihm festsetzte. So sehr erschrak er, dass er beinahe in den Vordermann gelaufen wäre. Und dann war es plötzlich dunkel. Wie konnte das sein? Wieso stand er an? Früher war doch alles morgens gewesen – Supermarkt, Ämter, Bushaltestellen. Nun war es Abend. Wann hatte sich das geändert?
Das Spiegelbild wirkte jetzt blasser, ja, schemenhaft, als stünde es in einem Nebel, der langsam von unten aufzog. Und doch konnte er erkennen, dass es ihm zunickte. Er drehte sich um. Niemand sonst hatte eines. Weder mit noch ohne Nebel. Es sah aus wie eine leere Filmrolle. Wie damals, als man Filme noch in Projektoren einfädeln musste. Fast erwartete er das typische Geräusch, wenn der letzte Rest des Films von der Spule lief – dieses immer wiederkehrende Rascheln, bis im Saal das Licht anging. Er blinzelte und wähnte sich in einem alten Lichtspielhaus, jenem, das es früher in seinem Dorf gegeben hatte. Anfangs ein Wunder der Technik, später nur noch ein Ort für jene, die sich erinnern wollten. Heute ist dort ein Park. Aber ein Kino verschwindet nicht ganz. Es bleibt – in denen, die es gesehen haben. Und für einen Moment konnte auch er es sehen. Doch nur mit geschlossenen Augen.
Wie die Einkaufswagen damals vor dem Supermarkt. Plötzlich der Krach. Fünf Jungs sprangen auf die Wagen. Wie ein Überfallkommando. Effizient. Lautlos. Und die Wartenden hinter sich lassend. Er war von Platz zehn auf fünfzehn gerutscht. Er hätte sich wehren können. Tat es aber nicht. Vielleicht, weil er sie bewunderte.
Es ging weiter. Auch ohne die Spiegelbilder der anderen. Und auch seines war nun kaum noch zu erkennen. Es schien sich von ihm zu entfernen, hinein in eine riesige weiße Wolke. Ein schönes Bild. Friedvoll. So anders als damals bei der Erstürmung des Supermarktes. Als er sich erinnern wollte, war da nichts. Keine Geräusche. Kein Gedränge. Als hätte die Wolke alles gedämpft, was noch Gewicht hatte. Er wusste nicht mehr, ob er damals einen Rechner bekommen hatte. Und das machte ihn glücklich. Warum, wusste er nicht. Nur, dass es sich leicht anfühlte. Die Wichtigkeit war ihm entglitten. Nicht nur die der Maschine. Die der Dinge überhaupt. Er merkte, wie das Materielle sich aus ihm löste – nicht gewaltsam, nicht schmerzhaft, sondern leise. Die Wolke umhüllte ihn. In ihr war kein Platz mehr für Besitz, für Beweise, für das, was man vorzeigen konnte. Er war jetzt vorbereitet. Nur noch ein Schritt. Da löste sich die Warteschlange auf. Nicht abrupt, nicht dramatisch – sie war einfach nicht mehr da. Keine Menschen, kein Ende, kein Anfang. Nur der Boden unter seinen Füßen und das Schaufenster neben ihm. Auch sein Spiegelbild blieb verschwunden. Er machte einen Schritt nach vorn.
Ich denke oft an ihn, besonders wenn ich nachts wieder einmal spazieren gehe und das Licht des Leuchtturms in die alten Scheiben fällt. Dann sieht man sie wieder: die alten Rechner. Vergilbte Gehäuse. Staub in den Lüftungsschlitzen. Diskettenlaufwerke, die seit Jahren niemand mehr geöffnet hat. Auf einigen kleben noch Preisschilder. Neu eingetroffen. Leistungsstark. Seit jener Nacht fehlt in einer Ecke des Schaufensters ein Rechner.
Der Staub dort ist heller.