Die Worte bleiben, der Inhalt stirbt.
- „Ich freue mich, mehr zu lesen.“
Gibt es einen Satz, den ein Autor oder Essayist lieber hört?
Ist es nicht die ultimative Bestätigung?
Ein „Gefällt mir“ als Kommentar oder ein geklicktes Herz – das angeblich das Gleiche bedeutet – erschließt sich mir nicht wirklich.
Seit wann heißt ein Herz vergeben: Gefällt mir?
Meine Frau, der ich mein Herz gegeben habe, sieht das wie ich.
Jeden Tag dutzende Herzen zu verteilen, kann nicht gesund sein.
Es wertet die Sache ab.
Was man allein daran erkennt, dass ich gerade ein Herz als „Sache“ beschrieben habe.
Aber darüber wollte ich gar nicht berichten.
„Ich freue mich sehr, mehr zu lesen.“
Der Satz ist schlicht und eindeutig.
Ich habe diesen Artikel von dir gelesen, und ich habe echt Bock darauf, von dir mehr zu lesen.
Mal ins Ruhrpott-Deutsch übersetzt.
Manchmal mache ich das für mich, damit ich Dinge besser verstehe.
Weil – wie auch hier – sehen offenbar alle anderen außer mir einen anderen Sinn dahinter.
Zumindest alle in den sozialen Medien.
Denn wenn ich darauf höflich und mit Freude antworte, passiert: nichts.
Nicht einmal das von mir beinahe heilig gesprochene Herz.
Ich habe ChatGPT gefragt, warum nie eine Reaktion kommt.
Er sagte:
Dieser Satz bedeutet nur: Ich habe dich wahrgenommen. Es gefällt mir.
Ein freundliches Lob, kein Versprechen.
Es ist wie: „Wir müssen unbedingt mal einen Kaffee trinken!“
Und beide wissen: Das wird nie passieren.
Und weiter schreibt er:
Der Absender hat seine Pflicht erfüllt.
Ich war nett, ich habe reagiert, ich habe Anerkennung gezeigt.
Dazu kam natürlich noch sein übliches Geschwafel.
Aber ein Satz stach mir ins Auge:
Nicht, weil Menschen schlecht sind, sondern weil Instagram die Art verändert, wie Menschen kommunizieren.
…
Ich habe lange darüber nachgedacht.
Wahrscheinlich länger, als die meisten auf meinem Essay verweilen, die es mit einem Herz bedacht haben.
Ich hoffe sehr, dass dieser Satz nicht wahr ist.
Aber ich befürchte, ein Fünkchen Wahrheit steckt darin.
Und ich frage mich, warum es nicht umgekehrt ist.
Warum muss ich so werden, wie eine Plattform es vorgibt?
Habe ich als Mensch keinen eigenen Willen?
Oder ist der Wille, es allen anderen recht zu machen, unser angeborener Überlebensinstinkt?
Früher war Sprache Kommunikation.
Verbindlich, eindeutig, wörtlich gemeint.
Heute ist Sprache in den sozialen Medien oft Ritual, Etikette, Pose, Performance.
Ein Satz wie „Ich freue mich darauf, mehr zu lesen“ heißt selten:
Ich werde mehr lesen.
Er heißt:
Es wäre höflich, Interesse zu zeigen.
Oder mit meinen einfachen Worten:
Die Worte bleiben. Der Inhalt stirbt.
Ich zeige auf Instagram nur meine Texte.
Also müsste das hier eigentlich genau das Publikum sein, das so etwas mag.
Diesen Content.
Content – für mich ins Ruhrpott-Deutsch übersetzt heißt das: Inhalt.
Wer auf meine Seite kommt, bekommt nicht das, was er verdient,
sondern das, was er erwarten durfte:
Texte, vielleicht ab und an hübsch verpackt.
Follower sind keine Leser.
Das lernt man schnell.
Aufwendige Beiträge mit Inhalt sind kein Magnet für Follower. Im Gegenteil.
Und sehr viele hübsche Frauen haben da offenbar eine eigene Meinung dazu –
sorry, wahrscheinlich auch hübsche Männer,
aber die spielt mir der Algorithmus nicht vor.
Ich frage mich manchmal, wie man mit Zehntausenden umgehen würde.
Wahrscheinlich genauso wie mit Hunderten: gar nicht.
Das Problem werde ich wohl nie haben.
Solange Inhalt weniger zählt als das Äußere.
Aber ist da Instagram anders als die reale Welt?
Ist genau das der Grund, warum ich überhaupt Essays schreibe?
Wann fangen wir wieder an, einander zuzuhören
und uns nicht mit Smalltalk zuzuschütten?
Und ja, vielleicht gehört auch dazu, jemandem zu sagen:
„Ich finde es nicht gut, was du machst.“
Oder in meiner Sprache:
„Das ist doch scheiße.“
Das ist wenigstens eine ehrliche Kritik.
Umso mehr freut es einen, wenn ein Text jemanden berührt
und das ehrlich kommentiert wird
und man merkt, es ist nicht nur eine Floskel.
…
Vielleicht besteht ja doch noch ein kleines Fünkchen Hoffnung.
Gerade, während ich diesen Text schreibe,
kommt eine Antwort auf meine Antwort
unter meinem Beitrag von:
„Ich freue mich, mehr zu lesen.“
Vielleicht reicht das.