Dinge, die verschwinden

Dinge, die verschwinden
Manche Dinge verschwinden leise. Nicht plötzlich, sondern Stück für Stück – oft so langsam, dass wir erst viel später merken, was fehlt.
  1. Was kommt nach dem danach


War das gestern auch schon nicht mehr da?
In letzter Zeit stelle ich mir diese Frage öfter.
Was gestern noch da war, ist plötzlich verschwunden.

Dabei rede ich nicht von den normalen Dingen wie Autoschlüsseln oder Fernbedienungen.
Beides ist meist nur woanders, wenn nicht da.
Ich rede von größeren Dingen.
Dingen, die nicht so schnell verschwinden sollten.

Es sind oft Gepflogenheiten, die sich bei mir und anderen Menschen eingeschlichen haben,
ohne dass ich den tieferen Sinn dahinter entdecke.
Nehmen wir als Beispiel das „Blinken“ – früher das Normalste der Welt, heute eher selten.
Dabei macht es durchaus Sinn, es zu tun.
Es nicht zu tun erhöht die Unfallgefahr.
Was steckt dahinter, wem kann es nützen?

Oder denken Sie nur an eine Warteschlange an den Supermarktkassen.
Sofort haben wir bestimmt Szenen im Kopf, die sich dort schon abgespielt haben.
Dabei würde ein wenig Gelassenheit schon reichen, um solche Szenen zu vermeiden.
Aber es passiert immer wieder.

Es gibt unzählige weitere solcher Beispiele,
die immer wieder nur eine Ursache haben: die Egomanie der Menschen.
Doch befragt man sie, sehen sie es als ihr natürlich angeborenes Recht, so zu handeln.

Ich möchte das hier ungern infrage stellen,
aber würde ein – wie nennen wir uns – vernunftbegabtes Wesen so handeln?
Wohl kaum.

Dachte ich anfangs noch, es seien die jüngeren Menschen, die so egoistisch handeln,
merke ich mehr und mehr, dass es auch Senioren sind,
die nun wirklich etwas anderes kennengelernt haben sollten.
Es zieht sich durch alle Altersschichten.
Es infiziert die Menschen effektiver, als es Corona tat.

Der Ursprung mag in der Kindheit liegen.
Ich denke, da bin ich mit jedem Psychologen konform.
Man lebt in seinen Fantasiewelten voller Naivität und blindem Vertrauen.
Beides Dinge, die nur enttäuscht werden können.
Irgendwann ist dann beides – zusammen mit vielen anderen Dingen – verschwunden,
abgelegt im Ordner „Kindheit“.

Einen Ordner, den man gerne hervorholt, wenn es einem nicht so gut geht
und man sich erinnern will, wie leicht das Leben einmal war.

Aber woher kommt dieses:
„Du hattest etwas – jetzt nehmen wir es dir weg“-Gefühl?

Natürlich will man als Jugendlicher nicht mehr in einem Zimmer schlafen
mit Hello-Kitty-Postern oder Plüschhasen.

Bloß weg mit der Kindheit –
und am liebsten die Jugend gleich überspringen, um erwachsen zu werden.
Damit man auf eigenen Beinen stehen kann, sein eigenes Geld verdient,
auszieht und unabhängig wird.

Wenn Sie sich jetzt wundern:
Der Inhalt der letzten zwei Sätze ist auch verschwunden.

Heute, so hat es für mich den Anschein,
wird die Jugend bis weit in die Zwanziger hineingezogen.
Mann oder Frau lebt ja ganz gut so bei Mama und Papa.
Nur: Ist das natürlich?
Eher nein.
Dafür aber bequem.

Eigentlich könnte mir das auch alles egal sein.
Betrifft mich nicht wirklich.
Sollen sie sich doch gegenseitig an den Kragen gehen.
Die Nachrichten sind voll davon – wenn nicht wieder nach einer Minute Sendezeit ein Passant gefragt wird, was er von der Situation hält.
Wann hat das eigentlich angefangen, „Nachrichten“ genannt zu werden?

Früher hieß das: Klatsch über den Gartenzaun.
Vielleicht, weil es derartige Kommunikation nicht mehr gibt.
Man redet nicht mehr miteinander, sondern meist übereinander.
Und die Redaktionen der Nachrichtensender haben das schon vor mir gemerkt.
Oder ist es auch verschwunden, dieses Gefühl, Nachrichten verkünden zu wollen?
Den Auftrag anzunehmen, den Menschen mitzuteilen, was in der Welt passiert.

Ich habe den Eindruck, dass heute die Nachrichten nur noch verwaltet werden.
Mehr Masse statt Inhalt.
Vielleicht sind sie aber auch einfach nur überfordert mit dem, was ist –
und mit dem, was die Menschen hören wollen.

Doch das sind nur die großen Beispiele.
Im Kleinen, bei mir, verschwinden Dinge, die sich viel größer anfühlen.
Dinge, die ich nicht einfach wiederfinden kann wie eine Fernbedienung.
Und denen ich mich auch nicht so leicht entziehen kann wie den Nachrichten.

Dachte ich früher noch: Das wird schon wieder.
Denke ich heute: Egal, wird es nicht.
Das mag daran liegen, dass meine Zeit jetzt schneller läuft, als sie es tat, als ich noch jung war.
Wie lang waren damals die Sommerferien?
Ein ganzes Universum an Möglichkeiten.
Mit offenem Ende.

Heute sind sechs Wochen einfach sechs Wochen.
Nicht mehr – eher weniger.

Die Unverwundbarkeit der Jugend ist, ohne dass man es kommen sah, plötzlich verschwunden.
Als hätte jemand beschlossen, dass es damit reicht.

Die eigene Welt zieht sich in einem zurück.
Nicht, weil man es will, sondern weil man krampfhaft versucht, an ihr festzuhalten.
Und alles, was mit Krampf geschieht, zerrt einen aus.
Als wäre da ein Magnet, der das ganze Leben auf ein Minimum zusammenzieht.

Doch wie soll man dagegen angehen?
Ein Kampf, dessen Ende feststeht.

Ich muss in letzter Zeit immer an einen Film aus den 50er-Jahren denken, den ich als Kind gesehen habe.
Er handelte von einem Mann, der immer kleiner wurde.
Anfangs war es noch witzig.
Aber je kleiner er wurde, desto größer wurde die Bedrohung.
Nicht nur in Form von Spinnen oder Ameisen, die bald viel größer waren als er,
sondern auch durch die Angst, irgendwann nicht mehr gesehen zu werden.

Seine Frau hatte ihm ein Puppenhaus besorgt, aber schon bald war er selbst dafür zu klein.
Er hatte Sorge, sich irgendwann ganz aufzulösen.
Aber dem war nicht so.
Er wurde immer kleiner – so klein, dass ihn selbst die Insekten nicht mehr bemerkten.

Was als friedvolles Ende dargestellt wurde, machte mir mehr Gedanken,
als wenn er von der Spinne gefressen worden wäre.
Was kommt nach dem Danach?
Wie geht sein Leben weiter?

Uns bleibt dieses Schicksal erspart,
aber manchmal denke ich, unser innerer Kern schrumpft –
wie der Körper dieses Winzlings.

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