Ein ganz normaler Tag
Ich schaue in den Spiegel. Wie jeden Morgen.
Wobei das nicht stimmt. Es gab Jahre, da habe ich nicht hineingeschaut. Auch wenn ich das nicht zugegeben hätte. Mir selber am wenigsten. War das Gesicht sauber? Muss ich mich wieder rasieren oder ist die Woche schon wieder rum? Klebt etwas zwischen den Zähnen oder sind die Haare wieder zu lang? All das waren jahrelang Fragen, die ich mir täglich morgens nach dem Aufwachen mit dem Blick in den Spiegel gestellt habe. Wenn man so will: alles Äußerlichkeiten. Was dahinter war, hat mich nicht interessiert. Und damit meine ich nicht meinen Charakter, sondern meinen Verfall.
Vielleicht sieht man den erst, wenn es schon zu spät ist. Mit dreißig Jahren habe ich mich damit noch nicht befasst. Selbst mit fünfzig nicht. Danach fing es schleichend an. Vielleicht als ich merkte, dass mir Haare aus den Ohren und der Nase wachsen. Wieso tat mein Körper so etwas? Wollte er mir damit sagen: Hey, achte mal mehr auf dich? Doch was man mit wenigen Pinzettenzügen beseitigen kann, beachtet man nicht weiter. Jetzt stehe ich also hier und versuche, mein jüngeres Ich zu sehen. Aber es gelingt mir nicht wirklich. Wie sah ich eigentlich aus mit fünfundzwanzig oder fünfunddreißig Jahren? Sicher, es gibt Fotos, unzählige sogar. Aber erstens trage ich auf den meisten eine Sonnenbrille, da sie meist im Urlaub oder bei strahlendem Wetter geschossen wurden – wer macht schon Fotos, wenn das Wetter schlecht ist? Und zweitens geben Fotos nie das her, was eine Person ausmacht.
Also wer bist du? Du, der mich im Spiegel anschaut. Hast du mich schon immer so angesehen? Wie eine Aufforderung, mit dir mein Leben von jetzt an zu teilen? Wie etwas, das ich fast sechzig Jahre nicht beachtet habe? Ziemlich treu bist du. Ich selbst mag mich eigentlich. Wenn da nicht dieses Ende wäre, das in letzter Zeit über mir schwebt. Es ist nicht nah. Nein, weiß Gott nicht. Aber es ist viel, viel näher, als mein Anfang es war. Deshalb bin ich auch froh, dass es bei all dem modischen Schnickschnack noch keine Lebensdaueranzeige im Spiegelbild gibt. Das würde mich fertig machen. Oder doch? Ich beuge mich ein wenig über das Waschbecken. Nicht, um wie üblich ein Haar zu entfernen, das dort nicht hingehört, sondern um mich genauer anzuschauen. Mit Lesebrille auf. Deep Search sozusagen. Was ich da sehe, beunruhigt mich. Wenn ich zu mir selber ehrlich bin, gibt es sehr wohl eine Lebensdaueranzeige. Sie hat die Form meines Gesichts. Ich Idiot hatte eine Anzeige in Form eines Ladebalkens oder eines Tortendiagramms erwartet. Gar nicht nötig. Ich lehne mich wieder zurück und setze die Lesebrille ab. So ist es besser. Gleich mindestens zehn Jahre jünger. Und sind wir mal ehrlich: Wer außer meiner Frau sieht mich schon so aus der Nähe und hat dabei volle Sehkraft? Niemand.
Meine Frau schaut mich schon länger nicht mehr so an wie früher, als wir verliebt waren. Aber das ist okay. So muss ich das auch nicht mehr tun. Ist doch immerhin ehrlich. Vielleicht ist das ja das Geheimnis einer glücklichen Ehe: Man duldet den gegenseitigen Verfall. Ah. Hätte ich mir vielleicht früher überlegen sollen. Ich drehe den Wasserhahn auf, warte, bis das Wasser richtig kalt ist, und schaufle mir dann mit beiden Händen das kalte Wasser ins Gesicht. Ein Ritual, mehr nicht. Aber es tut mir gut. Was denkst du jetzt, Spiegel? Alter Mann im Regen?
Na ja, fast. Wobei ich dann mehr anhätte als nur ein Handtuch um meine Lenden. Aber das kannst du ja nicht sehen. Ist auch besser so. Was du aber sehen kannst, ist, dass mir Blut über das Gesicht läuft. Habe ich mich schon wieder beim Rasieren geschnitten? Ich drehe mich um und greife nach dem Toilettenpapier – der beste Blutstopp im Badezimmer. Hundertfach erprobt. Aber als ich mit dem Stück Toilettenpapier auf dem rechten Zeigefinger die Stelle in meinem Gesicht suche, an der ich mich geschnitten habe, fällt mir ein, dass ich mich noch gar nicht rasiert habe. Obwohl – wie ich jetzt sehe, als ich zum Waschbecken blicke, um zu prüfen, ob das Wasser rot aus der Leitung kommt – das Rasiermesser auf dem Beckenrand liegt. Natürlich tut es das. Wo soll es sonst liegen, wenn ich mich rasieren will?
Aber wollte ich das? Hatte ich nicht vor langer Zeit beschlossen, mich nur noch elektrisch zu rasieren? Weil meine Hände anfingen zu zittern? Blödsinn. So alt bist du nun auch wieder nicht.
Ich schaue noch einmal in den Spiegel, um zu sehen, ob der in Farbe ist. Bingo. Die Schwarz-Weiß-Zeiten sind schon lange vorbei. Wobei – das waren doch die Fernseher, oder? Und warum habe ich mir kaltes Wasser ins Gesicht gespritzt, wenn ich mich danach nass rasieren will? Das klappt doch nicht. Ist jetzt aber auch egal. Vielleicht bin ich auch nur an mein Muttermal gekommen, das ich schon immer habe. Das blutet wie Sau, wenn ich es nur schief anschaue. Das wird’s sein. Wäre nicht das erste Mal, dass ich mit einer Pinzette versucht habe, die Haare aus den Ohren zu ziehen, und mich dabei verletzt habe. Und typischerweise merke ich es erst, wenn mich jemand darauf hinweist, dass ich Blut am Kragen habe. So wird es auch heute sein. Na wenigstens habe ich es diesmal selbst gemerkt. Erleichtert atme ich ein paar Mal ein und aus. Doch wirklich befreiend ist das nicht. Ich sehe ja immer noch aus wie Carrie aus Stephen Kings Frühwerk. Ich weiß noch, als ich das erste Mal von King erfuhr, bemerkte ich später, dass er damals so alt war wie ich. Irgendwie komisch, dass ich heute viel jünger bin als er. Wahrscheinlich haben ihn die Verlage nur älter gemacht. Wer will schon einen Horror-Thriller kaufen von einem Pubertierenden?
Ich schaue hinter mich. Warum, weiß ich selbst nicht. Vielleicht, weil man das so macht, wenn man hinter sich Geräusche hört. Da ist aber niemand. Außer Streifen. Rote Streifen. Parallel schlängeln sie sich zur Tür, dort verflechten sie sich förmlich miteinander. Ich folge den Spuren wieder zurück zu mir und erwarte, dass sie wie an mir vorbeiziehen, wie Eisenbahnschienen, bei denen man auch nie weiß, wo sie enden. Doch diese Schienen enden. Genau unter mir. Oder besser gesagt: da, wo ich drauf sitze. Es sieht im ersten Moment so aus, als säße ich in einem Einkaufswagen. Würde ich nicht schon bluten, würde ich mich jetzt kneifen. Ich habe ja schon viel Unsinn erlebt, aber dass ich in einem Einkaufswagen sitze, ist neu. Tue ich aber auch nicht, merke ich gerade. Ich sitze in so einem Ding. Wie heißt das noch gleich? Mir fällt der Name einfach nicht ein. Ätzend, aber nicht zu ändern. Momentan jedenfalls nicht. Langsam dämmert mir, dass die Eisenbahnschienen aus Blut gemacht sind. Biologisch, aber nicht besonders alltagstauglich, denke ich noch, als ich zu meinem Ding hinunterschaue. Rechts, und wie ich wenig später sehe auch links von mir, sind zwei große Gummireifen. Graue, die in rote Farbe getaucht sind. Blut, schießt es mir durch den Kopf. Ich muss grinsen. Und wundere mich selbst darüber. Unter all den Möglichkeiten, die ich heute Morgen nach dem Aufstehen hatte, ist dies hier bestimmt diejenige, die am wenigsten Anlass zum Grinsen gibt. Und doch tue ich es. Jetzt sogar mit einem Brustkorbzucken. Vielleicht werde ich ja wahnsinnig. Na ja. Wenn ich dabei glücklich bin, soll es mich nicht stören. Glücklich – was heißt das schon? Wenn ein alter Mann einen spielenden Jungen sieht, kann er vielleicht noch spüren, wie sich echtes Glück anfühlt. Aber wenn der Junge den Alten sieht, wie er mit leichtem Lächeln seine Geschäfte erledigt, glaubt er nicht, dass das etwas mit Glück zu tun hat. Ich höre plötzlich Stimmen. Nicht die des Jungen und seiner Freunde – es sind ältere Stimmen. Und sie machen sich Sorgen. Müssen sie bestimmt nicht. Aber so sind die Menschen. Immerzu machen sie sich Sorgen. Zumindest die, die dafür bezahlt werden. Rollator. Jetzt fällt mir das Wort wieder ein. Wie so oft in letzter Zeit: Wenn mein Gehirn einen hellen Moment hat, bemerke ich auch, dass manche Dinge anders sind als gedacht. Zum Beispiel liegt jetzt neben dem Waschbecken eine Sprungfeder, wie aus einem alten Matratzengestell – und nicht mein Rasiermesser. Kurz überlege ich, ob das jetzt besser ist. Ich will mir das Teil genauer anschauen, und in dem Moment, in dem ich es greifen will, höre ich ein lautes Schreien. Ich zucke zurück, weil ich denke, ich hätte etwas Verkehrtes getan. Dabei hatte ich es doch noch gar nicht in der Hand. Aber irgendetwas steckt auf der Metallfeder. Man könnte denken, es sei ein Korkenzieher, auf dem noch der Korken einer Weinflasche sitzt. Das ergibt allerdings überhaupt keinen Sinn, denn mein Leben lang habe ich keinen Wein gemocht. Doch wer weiß. Ich schaue an mir herunter auf den Boden – vielleicht ist das ja alles Rotwein und kein Blut. Doch mir wird sofort klar, auch weil ich den metallischen Geruch jetzt sehr eindringlich wahrnehme, dass es kein Rotwein ist. Auch wenn sich im Nebenzimmer jemand übergibt, als hätte er letzte Nacht zu viel getrunken. „Was ist denn los?“, höre ich eine aufgebrachte Stimme, die mit wuchtigen Schritten näher kommt.
Ich kenne diese Schritte. Schwere Schritte. Böse Schritte. Ich höre das Würgen der Person, aber auch das gleichzeitige Handeln. Jemand, der gelernt hat, jede Situation zu beherrschen, handelt sofort. Und während ich noch darüber nachdenke, ob die Schwestern einen Notfallplan für so etwas haben, greife ich zur Metallfeder, ziehe das flutschige Auge davon herunter und werfe es auf den Boden. Was mir ziemlich gut gelingt, denn es kullert so weit, dass es niemand so schnell finden kann. Während man draußen panisch versucht, die Tür zu öffnen, wasche ich mich weiter. Der Tag ist doch gar nicht so übel. Vielleicht, wenn es draußen schön ist, schiebt mich später jemand in den Garten.
Allerdings sollten sie vorher die Reifen säubern. Sonst versaut mein … na ja, mein Dingens alles.