Fenster
- Ein Essay über Fenster und die Sicht der Dinge
Ist Ihnen mal aufgefallen, wie viele Fenster es gibt? Ich meine nicht nur Glas, sondern wirklich Fenster. Zum Rausschauen. Zum Luftreinlassen. Letzteres geschieht öfter. Das erste jedoch kaum noch.
Wieso ist das so?
Die einzigen, die noch aus dem Fenster schauen, sind Katzen. Das aber auch nur, wenn man an die Scheibe klopft, um sie zu wecken. Denn für Katzen scheint die Fensterbank ein Sonnenstudio namens „Catsun Deluxe“ zu sein. Abgeschnitten vom Rest der Wohnung durch einen Vorhang oder zumindest blickdichte (durch jahrzehntelang aufgesaugten Staub) Gardinen. Als wolle die Katze sagen: Mit dem Rest der Wohnung habe ich nichts zu tun. Aber sie schaut ab und zu hinaus. Wenn auch nur so, als ginge sie das alles nichts an.
My home is my castle.
Als ich vor einigen Jahren am Essener Marathon teilnahm, liefen wir durch eine Siedlung in Bottrop. Es fühlte sich an, als wäre ich in meine Kindheit zurückversetzt worden. Rechts und links säumten alte Zechenmietshäuser den Straßenrand. Was aber noch viel interessanter war: In fast jedem Fenster stand jemand und schaute auf uns vorbeilaufenden Marathonläufer. Stilecht, wie es sich für den Ruhrpott gehört: mit Feinripp-Unterhemd vor dem Brusthaar der Männer und mit Lockenwicklern im Haar bei den Frauen. Beiderlei Geschlecht ruhte mit dem Ellenbogen auf einem Sofakissen. Muss ich noch erwähnen, dass die Männer eine Goldkette um den Hals trugen? Wohl kaum.
Die Hinterhöfe waren ausgestattet mit Teppichklopfstangen in Torform und dazwischen gespannten bunten Wäscheleinen. Komfortwohnen der 1950er-Jahre.
Wäre in dem Moment der Kohlmann um die Ecke gebogen, um mit seinem alten LKW Koks zu liefern – ich hätte mich nicht gewundert. Damals ein Ort voller Leben: spielende Kinder, schreiende Mütter. Manchmal auch umgekehrt. Heute eher ein Schrottplatz für stillgelegte Autos.
Warum ich das schreibe?
Weil ich kein Fenster gesehen habe. Sicher, sie waren da. So verarmt ist nicht einmal ein altes Mietshaus. Aber in diesem Moment hatten sie keine Funktion. Außer geöffnet zu sein.
Später lief ich dann ins moderne Essen, und alles war wie heute üblich: Fenster nur noch als durchsichtige Wand, als Abgrenzung. Und wie so oft sah man, dass sie ihrer Funktion beraubt waren – durch Nicht-Öffnen und Nicht-Putzen.
Früher mussten in den Niederlanden Gardinensteuern bezahlt werden. Wer das größte Fenster hatte – und damit die größte Gardine brauchte – musste am meisten Steuern zahlen. Das führte dazu, dass Häuser mit kleinen Fenstern gebaut wurden. Aus heutiger Sicht klimatechnisch optimal.
Trotzdem wurden die Fenster bei uns immer größer. Gerne bodentief. Damit der Raum lichtdurchflutet ist. Im Rohbau jedenfalls. Wenn der Mieter eingezogen ist, kommt als eines der ersten Designelemente das bodentiefe Verhüllungstuch – genannt Vorhang – davor. Was noch ein wenig Style hat, im Gegensatz zur allseits beliebten Metalllamellenjalousie.
My home is my castle.
Wir bauen sehr große Fenster, um sie dann blickdicht zu machen. Das hatten die Erbauer früher besser gemacht. Egal ob Burg oder Bauernhütte – Fenster gab es meist nicht.
Praktisch, aber unpraktikabel. Denn wo sollen die schönen Dinge hin, die heute auf einer Fensterbank stehen? Wird jetzt vielleicht der ein oder andere denken.
Aber machen Sie sich mal den Spaß und beurteilen Sie die Menschen nach dem, was sie auf ihrer Zurschaustellungsfensterbank stehen haben.
Oder – wenn Ihnen das die Stimmung zu sehr drückt – zählen Sie die Fenster, bei denen Sie denken: „Och, das sieht nett aus. Da könnte ich mich wohlfühlen.“
Vorausgesetzt, Sie mögen keine vertrockneten, aber meterhohen Kakteen, keine verstaubten Plastikblumen und keine Sammlungen von Nippes (die ich jetzt nun wirklich nicht alle im Detail aufzählen möchte), wird es schwer, viele auch nur ansatzweise ansprechende Fensterfronten zu finden.
Bei dem ganzen Mist, der auf den Fensterbänken steht, möchte man das Fenster auch nicht aufmachen, um rauszuschauen.
Abgesehen davon besteht ja die Möglichkeit, dass andere – selbst Fremde, nicht nur Nachbarn – sehen, welche Person hinter dieser Geschmacklosigkeit wohnt.
Was war zuerst da? Die Scham, das Fenster zu öffnen, oder das Hochziehen der Zugbrücke vor dem eigenen Fenster?
My home is my castle.
Um noch einmal von unseren Nachbarn, den Niederländern, zu sprechen: Die handhaben das anders. Egal ob im Dorf oder in der Stadt – bei ihnen kann man hineinschauen. Aus irgendeinem Architektentrick ist es fast immer das Wohnzimmer, das zur Straße liegt.
Der gemeine Holländer lümmelt sich in seinem Fernsehsessel und schaut TV oder liest. Es ist ihm völlig egal, dass ich oder andere nur zwei Meter an ihm vorbeilaufen und zusehen, wie er etwas tut, das ich wahrscheinlich auch gleich tue.
Vielleicht ist es das, warum wir die Fenster nicht mehr zum Rausschauen benutzen: weil unsere Fenster zur Welt da draußen jetzt in 8K sind und Dolby-Surround haben. Oder sogar als Mini-Taschenfenster in Form eines Handys mit 5K. Hinzu kommt die LED-Beleuchtung, die nichts kostet und nicht die Wohnung aufheizt. Die den Sehnerv nicht so reizt wie ein Sonnenstrahl am Mittag. Es staubt auch weniger, wenn man die Sonne aus der Wohnung lässt. Noch dazu schafft man ein Refugium für die Katze, wenn man die Fenster immerzu abdunkelt – und sie ihres eigentlichen Verwendungszwecks, dem Öffnen, entfremdet.
Das alles denke ich, während ich mit einer Tasse Kaffee in der Hand aus dem Fenster schaue und die Nachbarn beobachte. Wie sie vom Einkaufen kommen, oder den Rasen mähen. Mich beruhigt das. Hilft mir, meinen Stress abzubauen.
Bevor ich mich wieder vor meinen Computerbildschirm setze. Natürlich in einem abgedunkelten Zimmer. So kann ich mich besser konzentrieren. Meine Burg.
My home is my castle.
Fenster optional.