Frequenzrauschen
Gestern ist mir etwas Komisches passiert. Also eigentlich nicht mir, sondern meinem Lautsprecher. Er funktionierte nicht mehr. Wie lange schon, weiß ich nicht – erst als ich ihn einschaltete, blieb alles stumm. Und bevor Sie fragen: Ja, er war aufgeladen. Kennen Sie das? Sie wollen Musik hören, und alles um Sie herum schweigt. Zumindest das Melodische – das andere leider nicht, aber das ist ein anderes Thema. Zu allem Überfluss konnte ich nicht einmal Kopfhörer aufsetzen, weil ich ein Paket erwartete. Und mit Kopfhörern hört man bekanntlich am besten. Wo sonst lassen sich die Feinheiten einer Komposition so präzise wahrnehmen? Mit den Jahren sind Kopfhörer nicht nur besser, sondern auch teurer geworden. Nicht zwingend notwendig – aber ich gönne es mir. Man gönnt sich ja sonst nichts. Es ist dieses Gefühl, die Musik ganz für sich allein zu haben, als wäre sie eigens für die exakt vermessene Ohrmuschel komponiert worden. Schließlich scannt so ein Hightech-Gerät dein Ohr, bevor es dich beschallt. Als ich meinen das erste Mal aufhatte und in der App die passende Einstellung fand, bin ich vorher noch schnell ins Bad gegangen und habe – zum ersten Mal seit Langem – ein Wattestäbchen benutzt. Man will ja optimale Klangbedingungen schaffen. Ich kann Ihnen sagen: Es hat sich gelohnt. Nie zuvor war Musik so klar, so nah, so… exklusiv. Und nun liegt er da und will benutzt werden. Aber ich kann nicht. Ganz ohne Musik geht es allerdings auch nicht. Also greife ich zum Handy, stelle es schräg auf das Heizungsgitter – Klangkörpererweiterung, Sie verstehen – und lege die Beatles auf. In Wirklichkeit tippe ich nur meine Playlist an, aber „die Beatles auflegen“ klingt einfach besser. Anders als bei einem Plattenspieler setzt die Musik sofort ein, ohne vorheriges Knacken. Was ich ein wenig bedaure. Die ersten Takte sind kaum verklungen, da fühle ich mich in eine andere Zeit versetzt. Nicht, dass ich sie erlebt hätte – dafür bin ich zu jung –, doch der Klang meiner Heizungsgitter-Handy-Konstruktion erinnert mich an das alte Monoradio meines Großvaters. Damals liefen dort vermutlich genau diese Lieder – frisch gepresst, neu, Gegenwart. Und plötzlich frage ich mich: Vielleicht klingt meine bevorzugte Musikrichtung, die Oldies, gar nicht am besten auf modernster Technik. Vielleicht wurde sie für ein anderes Gehäuse geschaffen. Für Holz, Staub und einen leicht übersteuerten Lautsprecher. Vielleicht klang sie nie falsch – nur falsch verpackt. Dem musste ich nachgehen. Aber nicht jetzt. Jetzt wartete ich auf mein Paket.
Sind Sie noch da? Oder besser: wieder da? Ich jedenfalls war nach der Paketannahme nicht ganz untätig. Kaum hatte ich unterschrieben, stieg ich auf den Dachboden – in der Hoffnung, dort das alte Radio meines Großvaters zu finden. Wobei „Hoffnung“ übertrieben ist. In unserer Familie wird nichts weggeworfen. Es wird nur in eine Ecke gelegt. Die eigentliche Hoffnung bestand also darin, dass es noch brauchbar war. Ohne Schwalbendreck. Ohne Mäusekot. Ohne biologische Zusatzfunktionen. Wie es sich für gute Geschichten gehört, fand ich es zunächst nicht. Zwischen Kisten, vergessenen Bilderrahmen und dem Geruch alter Weihnachten war ich kurz davor, mir die Haare zu raufen. Dann fiel ein Lichtstrahl durch die Dachluke – offenbar hatte irgendwann jemand an Sauberkeit gedacht – und traf auf etwas Kantiges im Halbdunkel. Dort stand es. Staubig. Schweigend. Und für einen Moment hatte ich das Gefühl, es habe auf mich gewartet.
Ich erspare Ihnen weitere Details über die äußeren Befindlichkeiten des Radios. Oder besser: über meine ihm gegenüber. Ich war vorbereitet. Noch auf dem Dachboden hatte ich es grob gereinigt. Unten stellte ich es vorsichtig auf den Wohnzimmertisch, damit es sich akklimatisieren konnte. Da steht es nun. Im Gesamtbild meiner Wohnung wirkt es … nun ja: hässlich. Aber meine Subwoofer-Box – oder auch nur mein Handy – hätte in einer Einrichtung der Fünfzigerjahre vermutlich ebenso deplatziert ausgesehen. Es sollte ja um die inneren Werte gehen. Um die Musik. Wobei mir erst jetzt auffällt: In dem Radio ist natürlich überhaupt keine Musik. Ja, lachen Sie nur. So war es nicht gemeint. Aber mein Kopf hatte alte Musik und altes Radio längst fest miteinander verknüpft. Was, wenn ich es einschalte und es läuft Techno? Ich versuche mich zu erinnern, wie das früher funktionierte – vor dem Internet. Empfang von Wellen. Langwelle, Kurzwelle, Mittelwelle. Gibt es das überhaupt noch? Wellen haben wir hier oben genug, keine Frage. Aber selbst wenn sie rauschen, spielen sie noch lange keine Musik. Und Techno oder Hip-Hop hätte man in diesem Dorf ohnehin kaum empfangen. Die letzte Jugendbewegung hier trug Jeans und weiße T-Shirts, die Mädchen Petticoats.
Nun gut. Es hilft nichts. Ich stecke den Stecker in die Steckdose. Ein kleiner Triumph: Es knallt nicht, es stinkt nicht, die Sicherung bleibt drin. Ich hatte vorsorglich darauf geachtet, dass das Gerät auf „Aus“ steht. „An“ und „Aus“. Allein das fühlt sich schon besonders an. Seit Jahren sprechen meine Geräte nur noch Englisch. Fast feierlich lege ich den Zeigefinger auf den Kippschalter. Kein Touch. Kein Voice. Ein Kippschalter. Ich drücke ihn nach oben. Eine halbe Sekunde geschieht nichts. Dann kommt es: dieses tiefe, warme Brummen aus meiner Kindheit. Kein vorbeifahrender LKW, sondern dieses typische Radiobrummen. Mein Opa nannte es immer „vorglühen“. Leider bleibt es dabei. So sehr ich auch drehe und justiere – das Radio verweigert sich. Totale Stille nach dem Brummen. Selbst das Ausrichten der Antenne in sämtliche Himmelsrichtungen bringt nichts. Dafür also die ganze Mühe? Reparieren kann das heute vermutlich niemand mehr. Hier im Dorf schon gar nicht. Der letzte Elektroladen verkaufte noch Röhrenfernseher. Immerhin schon in Farbe. Davor standen sie in Eiche rustikal in den Wohnzimmern, danach in schwarzem Plastikschick. Fortschritt eben. Ich beschließe, spazieren zu gehen. Weniger zum Nachdenken als zum Vergessen. Außerdem gefällt mir der Gedanke, dass das Radio – noch immer eingeschaltet – ein wenig seine alte Umgebung betrachten darf.
Vielleicht war ich melancholisch. Vielleicht nur gefangen in meiner Beatles-Nostalgie. Aber plötzlich fallen mir die alten Beschriftungen der ehemaligen Schaufenster auf. Wobei „Schaufenster“ übertrieben ist. Manche wurden zu normalen Fenstern zurückgebaut – mit Legosteinen oder Plastikblumen dahinter. Andere hatten weniger Glück: Hinter der Scheibe hängt nun eine graue Gardine. Ich frage mich jedes Mal, wo man solche grauen Gardinen kauft. Und ob sie jemals weiß waren. Unser Ort hatte einmal alles. Wenn auch nie ganz vollständig. Die Bäckerei, den Malermeister, den Waschsalon, Eisen Karl und Radio- und Fernsehtechnik Kowalski. Familienbetriebe. Ein kleiner Kosmos. Voller Leben. Heute: nur noch Schriftzüge im Putz. Ob Zufall oder nicht – plötzlich stehe ich vor dem ehemaligen Radio- und Fernsehtechnikladen. Und schlimmer noch: Ich habe geschellt. Warum? Beim Waschsalon hätte es noch weniger Sinn ergeben. Aber was erwarte ich hier? Offenbar nichts. Die Tür bleibt zunächst geschlossen. Ich drehe mich bereits um, als ich höre, wie ein Schlüssel im Schloss gedreht wird. Langsam öffnet sich die Tür. Ein kleiner alter Mann steht vor mir und lächelt verschmitzt. „Hallo“, sage ich. „Sie kommen wegen des Radios“, sagt er. Ich schweige – offenbar so deutlich, dass er zur Seite tritt und mich hineinbittet.
Nach einer Weile – wir standen noch immer in seinem Flur – hatte ich mich gefasst. „Woher wissen Sie das?“, fragte ich. Er antwortete nicht, sondern ging weiter ins Wohnzimmer. Wobei „Wohnzimmer“ das falsche Wort ist. Es war ein Museum. Ein Museum voller Radios aus allen Epochen: runde Bakelitkästen, kantige Holzfronten, Geräte mit goldenen Skalen und solchen, die aussahen, als hätten sie den Krieg noch gehört. Ich blickte mich um – erstaunt, fast ehrfürchtig. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Jedem Radio stand ein kleiner Lautsprecher gegenüber, aus dem Musik erklang. Doch nicht dieselbe Musik. Für jedes Radio spielte offenbar eine andere, als hätte jemand jedem Gerät sein eigenes Lied zugeteilt. Was normalerweise unerträglich gewesen wäre, fügte sich hier zu einem einzigen, vollkommen eingespielten Orchester. Ich suchte nach dem Chaos, nach dem Krach, nach dem Durcheinander, das entstehen musste – aber ich fand es nicht.
Und ich meine nicht das Stimmen vor einem Konzert, nicht dieses nervöse Suchen nach dem richtigen Ton, dieses Durcheinander, das man aushält, weil es gleich vorbei ist. Nein. Ich meine die absolute Einstimmigkeit. Mehr als fünfzig verschiedene Orchester spielten gleichzeitig – und doch lag eine Ruhe im Raum, wie ich sie sonst nur kannte, wenn ich meinen Kopfhörer auf lautlos stellte. Es war, als würde etwas in mir abfallen, ein innerer Druck, den ich nie bemerkt hatte, solange er da gewesen war. Ein Vakuum. Ein Zustand, den ich nicht erklären kann, weil man nur erklären kann, was man versteht. Ich verstand nicht. Ich fühlte. Es war fantastisch. Als mein Gastgeber bemerkte, wie sehr mich der Raum erfasst hatte, hob er betont langsam den rechten Arm. Augenblicklich verstummte alles. Das Seltsame war: Ich bemerkte es nicht sofort. In meinem Kopf spielte die Musik weiter, als hätte sie sich dort festgesetzt. Erst als ich etwas sagen wollte, hob er den anderen Arm und legte den Finger an die Lippen. Ich schwieg. Ohne nach meinem Anliegen zu fragen, begann der alte Mann zu sprechen. Nicht wie ein Fremder, sondern wie jemand, der es gewohnt ist, verstanden zu werden. Und gebraucht. Fragen wirkten hier wie etwas Unhöfliches, wie etwas, das den Raum nur verunreinigen würde. „Sehen Sie sich diese Radios an.“ Ich nickte, vielleicht etwas zu eifrig, als ich merkte, er wartete auf eine Reaktion. „Sie alle sind wie Ihres.“ Woher konnte er das wissen? Nicht einmal ich wusste genau, was mit meinem Radio nicht stimmte. Er ließ seinen Blick langsam durch den Raum wandern, von Gerät zu Gerät, als wolle er seinen Worten Nachdruck verleihen. Es dauerte. Es waren viele. „Eine beeindruckende Sammlung“, sagte ich, mehr um etwas zu sagen, als weil es besonders klug gewesen wäre. Er nickte nur kurz. Dann sagte er nach einer Weile, ruhig, fast beiläufig: „Ich weiß, das denkt ihr alle. Aber keines dieser Radios gehört mir. Es sind die Radios fast aller Dorfbewohner.“ „Aber …“, setzte ich an. Er hob leicht die Hand. Fragen schienen hier nicht vorgesehen zu sein. Als kenne er sie alle bereits – samt Antworten.
„Diese Radios sind oder waren so wie deines, sie spielten keine Musik mehr.“ Wieder schwieg er. Ich glaube nicht, dass er mich quälen wollte, doch in mir wuchs das Verlangen, endlich zu verstehen. Ganz allmählich begriff ich ein wenig mehr. Geschwindigkeit half hier nicht – sie war hinderlich. Ich fühlte mich an die Bilder der Mondlandung erinnert, an die Astronauten, die nur langsam schwebten, um nicht mit einem einzigen Satz hundert Meter weit zu springen und hart aufzuschlagen. Also nickte ich nur, und er fuhr sichtlich zufrieden fort. Und nicht nur das – er sprach weiter, länger als zuvor, beinahe feierlich:
Früher, als die Radios noch nicht digital waren, hatten sie ein Herz und eine Seele. Man kannte ihr Röhren, ihre Dioden, die Lötstellen, die nach heißem Zinn rochen. Das machte es einfacher, sie zu reparieren. Und oft gelang es auch. Doch was diesen Radios – ob defekt oder nicht – immer fehlte, war Zuwendung. Sie mussten funktionieren auf Knopfdruck. Informieren. Freude bringen. Aber niemand tat ihnen etwas Gutes. Man ließ sie verstauben oder zweckentfremdete sie als Buchstützen. Schon als junger Mann begriff ich, dass hinter jeder Reparatur, die mein Vater hier im Geschäft vornahm, mehr steckte. Er war geschickt und hatte weit über unser Dorf hinaus den Ruf, jedes Radio wieder zum Laufen zu bringen. Doch einige wenige blieben stumm. Obwohl er alles überprüft hatte – jede Lötstelle, jedes Kabel –, gaben sie keinen Laut von sich. Ich weiß noch, wie ich mir mit achtzehn ein aussortiertes Radio schnappte und begann zu experimentieren. Ich wollte nicht akzeptieren, dass es keine Musik mehr spielen wollte. Ich will Sie nicht langweilen, aber nach mehreren Jahren kam mir der Gedanke, dass diese Radios nicht kaputt waren – sie waren aus dem Takt geraten. Wie eine teure analoge Uhr mit innerer Unruhe. Also begann ich, sie mit der Musik ihres eigenen Jahrgangs zu beschallen.
Die letzten Worte betonte er mit einer feinen Theatralik, als hätte er eine Komposition vollendet. Und im Grunde hatte er das ja auch – wenn ich an die Musik dachte, die beim Betreten seines Wohnzimmers erklang. „Das ist wirklich genial. Das klingt so gut“, sagte ich unbeholfen. „Da haben Sie natürlich recht“, erwiderte er gerührt. „Aber das ist nur ein Nebenprodukt. Der Kern ist: Es repariert die Radios.“ „Wie?“, fragte ich leise, wissend, dass jedes weitere Wort zu viel gewesen wäre. „Wie ich es Ihnen erklärt habe. Irgendwann springt das behandelte Radio von allein an. Dann weiß ich, dass es wieder funktioniert. Wie lange das dauert, ist unterschiedlich.“ „Meins steht bestimmt seit vierzig Jahren auf dem Dachboden. Da kommt es auf eine Woche nicht an“, sagte ich – überrascht, dass ich den Satz vollständig herausbekam. Der Alte schmunzelte. Er zeigte auf ein Radio in der Nähe. „Sehen Sie das?“ Ich nickte. „Das steht seit drei Monaten dort.“ „Oh.“ „Nein, nein“, sagte er und deutete weiter nach hinten. „Sehen Sie dieses dahinten?“ Ich folgte seinem ausgestreckten Finger. „Ja.“ „Das steht seit dreißig Jahren hier. Aber ich denke, es ist bald so weit. Gestern lief es zum ersten Mal. Drei Minuten.“