Haus ohne Schatten
Wann es genau anfing, weiß keiner mehr. Und glauben Sie mir, ich habe viele gefragt. Eine genaue Zahl kann ich Ihnen allerdings nicht nennen, aber es dürften so um die neunzig Prozent aller Anwohner gewesen sein. Selbst von Urlaubern, die uns allerdings nur spärlich besuchen, habe ich kein Halt gemacht. Natürlich nur bei denen, die jedes Jahr wiederkommen, sonst hätte es ja wohl kaum einen Grund dazu gegeben. Egal, wen ich fragte – niemand wusste, wann es passiert war. Einige meinten sogar, dass es bestimmt immer schon so gewesen sei. Doch die Älteren konnten sich daran erinnern, dass sie als Kinder oft im Schatten jenes Hauses ihr Eis schleckten, das sie in der Eisdiele direkt gegenüber gekauft hatten.
Irgendwann wurde die Eisdiele geschlossen, sodass ich vermutete, die italienische Familie, die Besitzer der Eisdiele, habe den Schatten des Hauses mit nach Italien genommen. Denn dorthin waren sie wieder zurückgekehrt. Jeder weiß, dass man in Italien bestimmt öfter einen kühlenden Schatten braucht als bei uns in Norddeutschland. Aber wie sollten sie das angestellt haben? Schließlich gehörte ihnen nur die Eisdiele, nicht das gegenüberliegende Haus. Das steht ja, heute, Jahre später, auch immer noch da. Nur eben ohne Schatten. Wobei – man kann sich ja streiten, ob der Schatten immer fehlt. Oft sieht man es schließlich nicht. Im Dunkeln oder an wolkenverhangenen, regnerischen Tagen. Doch um ehrlich zu sein, hatte ich mich auch dessen vergewissert. Um sicherzugehen, dass es sich nicht nur um eine Zeitschattenverschiebung handelte, ging ich zur Rückseite des Gebäudes – genauer gesagt fuhr ich mit meinem Auto dorthin und strahlte das Haus an. Nichts. Die beiden Häuser rechts und links daneben hatten wundervolle Schatten. Gut, vielleicht ein wenig schief. Aber ich denke, das ist nur dem Umstand geschuldet, dass sie sich nicht an einem mittleren Schatten orientieren konnten – da ja, wie gesagt, dieser fehlte.
Auch ein Blick ins Grundbuch half mir nicht weiter. Ebenso wenig fanden sich im städtischen Archiv Aufzeichnungen darüber. Unser Ort hat eine tief ins Mittelalter reichende Geschichte – nicht immer rühmlich, möchte ich hinzufügen. Es gab hier Klöster, Hexenverbrennungen und später Menschen, die im Gleichschritt marschierten. All dies, wenn auch durch Jahrhunderte getrennt, könnte man als dunkle Kapitel unserer Ortsgeschichte beschreiben. Und ja, der Ort hatte sich zum Positiven entwickelt. Die düsteren Gebäude wurden schon in den Siebzigern abgerissen, sodass sich der Ort heute im Sonnenlicht förmlich rekelt. Aber dass es nun so weit ging, dass selbst die Schatten nicht mehr bei uns sein wollten, erschien mir dann doch übertrieben. Wobei – bitte entschuldigen Sie – ich neige zur Übertreibung. Es ist ja nur ein Schatten. Aber was, wenn es mehr wird? Was, wenn es publik wird? Sicher, ich habe allen Einwohnern geraten, niemandem außerhalb des Ortes davon zu erzählen. Ich hoffte, damit etwas Zeit zu gewinnen – um das Problem beheben zu können.
„Der Nächste, bitte.“
Oh. Das war wohl ich. „Ja, ich komme“, rief ich in den Raum hinein, ohne jemanden zu sehen, denn die Stimme kam aus einer Lautsprecherbox an der Wand – einem der wenigen Einrichtungsgegenstände hier. Es gab nur drei Stühle und einen mannshohen Ficus, der sich offenbar noch nicht entschieden hatte, ob er vertrocknet war oder ob der Staub ihn langsam erstickte. Wahrscheinlich gehörte er bereits zur Einrichtung, als vor einem Jahr die ehemalige Sekretärin des Bürgermeisters in Rente ging und hier endlich ihren Traum verwirklichte – oder, wie sie es nannte: endlich ihrem Hobby nachzugehen. Doch wer, wie ich, erwartet hatte, sie würde einen Yogakurs belegen oder mit dem Stricken beginnen, sah sich getäuscht. Sie kaufte dieses Gebäude, in dem zuvor ein Anwalt seine Kanzlei betrieben hatte – was man, wie ich finde, der Einrichtung noch immer ansah – und gründete hier das
„Amt für strukturelle Unregelmäßigkeiten und sonstige Abweichungen im kommunalen Ortsgefüge“.
Der Legende nach kam ihr die Idee, nachdem es Unregelmäßigkeiten mit dem Leuchtturm gegeben hatte. Welche genau, kann ich Ihnen nicht sagen, denn alles, was dieses Amt tut, unterliegt der Verschwiegenheit. Ich öffnete die Tür mit der Aufschrift „Büro“ und rechnete damit, jemandem gegenüberzustehen – oder ihn zumindest sitzen zu sehen. Doch ich sah niemanden. Stattdessen beschlich mich der Verdacht, in einem Museum gelandet zu sein. Vor dem Fenster, am anderen Ende des Raumes, standen auf der Fensterbank die üblichen, ebenfalls hässlich verstaubten Blumen, die offenbar darüber nachdachten, ob sie nach Wasser schreien oder lieber leise sterben sollten. Davor stand ein massiver Schreibtisch aus dunklem Holz, an dessen Kanten sich der Lack wellte. Dahinter ein hoher Stuhl mit Lederbezug, dessen Risse im Laufe der Zeit eigene Landkarten gebildet hatten. Auf dem Tisch lag ein Stapel Formulare, akkurat ausgerichtet, daneben eine Sammlung von Stempeln. Ich ging einen Schritt näher, um sie mir genauer anzusehen. Schließlich kannte ich solche Modelle nur aus meiner Kindheit. „Finger weg“, ertönte es jetzt hinter mir.
Erschrocken, wie bei einem Diebstahl ertappt, wich ich zur Seite und hätte dabei beinahe eine Glasvitrine gestreift, die außer Staub nichts enthielt. Vielleicht ein Aufbewahrungsort für Verdienste und Belobigungen, dachte ich. Die es aber offensichtlich noch nicht gegeben hatte. Erst jetzt fiel mir auf, dass es nach Aktenstaub und einem Reinigungsmittel roch, das man vermutlich schon in den Achtzigern für zeitlos gehalten hatte. Der Teppichboden war von jener Sorte Grau, die ursprünglich wohl als Beige gedacht gewesen war. „Setzen Sie sich“, ertönte die kraftvolle Stimme erneut.
Zuerst wollte ich fragen, wohin, doch dann sah ich den Stuhl vor dem Schreibtisch, so unscheinbar, dass er vor dessen Größe beinahe verschwand. Den Abdrücken im Teppich nach zu urteilen, wurde er nicht häufig benutzt, stellte ich fest, als ich ihn mir zurecht schob, um Platz zu nehmen – nicht ohne sicherzustellen, dass ich exakt die vorhandenen Abdrücke traf. Das schien mir wichtig zu sein. Ich saß da wie ein Pennäler oder wie ein Mann, der auf sein Brautgespräch wartet, schoss es mir durch den Kopf. Damals saßen wir auch vor einem solchen erhabenen Schreibtisch, und der Pfarrer berichtete mit sichtlichem Stolz, dass er vor Jahren in seiner Kirche eine Teufelsaustreibung vollzogen habe. Zu erkennen sei das am Brandmal vor dem Altar. Ich weiß bis heute nicht, warum er mir das erzählte. Vielleicht wollte er mich vor der Hochzeit abschrecken. Nun ja – ich hätte besser auf ihn hören sollen.
Erst jetzt vernahm ich ein Ticken. Kein bedrohliches, wie das Herunterzählen eines Countdowns vor einer Explosion. Eher das typische Ticken einer Beamtenuhr. An der Wand hing eine solche Uhr, daneben ein gerahmtes Luftbild des Ortes – vermutlich aus besseren Zeiten, in denen alle Dächer noch Schatten warfen. Kurz wollte ich aufstehen, um es mir genauer anzusehen. Doch ich ließ es besser. Ich wagte kaum, mich umzuschauen, und wollte doch wissen, mit wem ich sprach. Das heißt, eigentlich wusste ich es ja. Und dennoch klang die Stimme ungewöhnlich anders. Die freundlich-unverbindliche Stimme, die man als Bürgermeistersekretärin haben musste, war – wie der Schatten – verschwunden. Mein Gehirn versuchte, einen Zusammenhang herzustellen. Was ihm zum Glück nicht gelang. Mein Suchen musste bemerkt worden sein, denn nun hallte es durch den Raum: „Ich muss mich entschuldigen, Sie nicht körperlich empfangen zu können. Aber wenn Sie die Güte hätten, das Laptop, welches auf dem Schreibtisch vor Ihnen liegt, zu öffnen – dann können wir uns sehen.“ Tatsächlich. Dort lag ein Laptop. Ein wenig anarchisch sah er aus, völlig deplatziert. Ich hatte ihn für ein altes Silbertablett gehalten, passend zur übrigen Einrichtung. Zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass, als ich ihn anhob, auf dem Schreibtisch ein rechteckiger brauner Fleck erschien. Eine staubfreie Zone. Das Laptop musste also schon einige Zeit dort gelegen haben. Ich pustete mehr als einmal darüber hinweg und klappte es vorsichtig auf. Hatte ich gedacht, jemanden zu sehen, sah ich mich getäuscht. Zunächst musste ich mich ausweisen, verifizieren, erneut ausweisen – und noch einiges mehr. Irgendwann – ich rechnete ehrlich gesagt schon nicht mehr damit – ploppte unerwartet eine Übertragung auf. Zu sehen war ein Stuhl. Ein leerer Stuhl. Ich war mir nicht ganz sicher, ob der Hintergrund Tapete war oder echt. Falls er nicht echt war, wurde er von einer Hintergrundkulisse aus rauschenden Palmen und leichter Gischt, von sanft überschlagenden Wellen am Strand, perfekt untermalt. „Oh, Sie sind schon da, einen Moment“, hörte ich nun eine leicht hektischer werdende Stimme. Dann wurde der Bildschirm dunkel, und ich dachte bereits an einen Stromausfall. Doch wie sich herausstellte, war es lediglich ein weiblicher Körper, der sich vor dem Bildschirm platzierte. Genau genommen der Teil der sich danach im direkten Kontakt mit der Sitzgelegenheit meiner Gegenüber in Kontakt trat.
„Entschuldigen Sie“, kam es wenig später – passend zu meinen Gedanken. Wenn auch vermutlich nicht deswegen. „Man muss heutzutage vorsichtig sein, Sie verstehen?“ Ich nickte, als verstünde ich. Gleichzeitig überlegte ich, ob man es dann nicht sein muss. Vorsichtig. Sicher, man bekam es allerorts gesagt. Aber wenn wir schon so weit waren, dass man Schatten stehlen konnte, ohne dass es jemandem auffiel, dann … Oder – und der Gedanke kam mir erst jetzt – vielleicht hatten es schon einige bemerkt, wollten aber aus Vorsicht, dass es bemerkt wird, nicht darüber sprechen? Mein Gegenüber ließ sich von meinem Schweigen nicht beirren und redete weiter. Und je mehr sie redete, desto weniger konnte ich mich des Eindrucks erwehren, dass sie es genoss. Das ist bei den meisten Menschen so – sie hören sich gern selbst reden.
Beamte sprechen meist aus Pflichtgefühl. „Bevor wir richtig anfangen, schlage ich vor, dass Sie mir Ihr Anliegen mitteilen.“ Ich hielt das zwar für den Anfang, verzichtete jedoch auf eine entsprechende Bemerkung, wohl wissend, dass ich sonst vermutlich eine sprachliche Lawine ausgelöst hätte. „Wissen Sie, ich denke, ich habe da etwas für Sie“, setzte ich vorsichtig, fast tastend an. Als ich den Satz beendete, schaute ich in den Laptop und sah nur ein Standbild. Dachte ich zumindest. Das Zucken über der rechten Augenbraue zeigte mir jedoch, dass die Dame noch live war. Deshalb fuhr ich etwas irritiert fort:
„Ich dachte, aufgrund Ihres Amtes könnten Sie mir weiterhelfen. Ich—“ „Wissen Sie eigentlich, wie schwierig es ist, so eine Standleitung rund um die Uhr stabil zu halten?“, grätschte meine Gesprächspartnerin dazwischen. Ziemlich unhöflich, würde ich meinen. Schließlich konnte ich nichts dafür, dass sie sich offenbar im Urlaub befand und dennoch erreichbar sein wollte. All das hätte ich ihr sagen können – ja, müssen. Doch als ich den Mund aufmachte, kam nur: „Ein Haus hat keinen Schatten.“ Nun gingen beide Augenbrauen meines Gegenübers nach oben. Das war allerdings auch die einzige körperliche Reaktion, die ich sehen konnte. „Bitte wiederholen Sie den letzten Satz noch einmal, damit ich ihn korrekt zuweisen kann.“ „Ein Haus—“ Moment. Was hatte sie gerade gesagt? Sie müsse den Satz zuweisen?
„…hat keinen Schatten“, beendete ich schließlich. Schweigen. Diesmal ohne Augenbrauenzucken. Dann: „Ich wiederhole nur zur Sicherheit die letzten drei Wörter: …hat keinen Schatten. Ist das korrekt?“ Alles daran war so absurd, dass mein Widerstand gegen die Absurdität bereits zu bröckeln begann. Deshalb sagte ich nur: „Ja.“