I have a dream
3.
Diese Geschichte entspringt einem Traum. Ein alter Freund rief mich darin an, erfüllt von der Euphorie, mit mir ein Wochenende beim Camping zu verbringen. Für einen Augenblick klang es nach Abenteuer, nach Freiheit, nach dem Versprechen eines gemeinsamen Aufbruchs. Doch je länger wir sprachen, desto stärker verstrickten wir uns in Nebensächlichkeiten, in Kleinigkeiten, die schwerer wogen als das große Bild. Das Leichte begann sich in Mühsal zu verwandeln.
Als ich erwachte und begriff, dass alles nur ein Traum gewesen war, spürte ich Erleichterung. Kein bevorstehendes Wochenende voller Spannungen, keine Last, die sich als Vergnügen verkleidet. Zurück blieb das Flirren eines Traumes, der nichts fordert, außer erzählt zu werden. Der Rest der Geschichte aber – der gehört ganz der Erfindung.
Viel Spaß damit.
I Have a Dream
Ein Essay über Lebensrhythmen, Statussymbole und den Wert der Langsamkeit
I Have a Dream
Ein Essay über Lebensrhythmen, Statussymbole und den Wert der Langsamkeit
Gestern rief mich ein Freund an.
Ohne lange drum herum zu reden, schlug er vor, wir sollten mal wieder campen gehen.
Ich spürte förmlich durch die Art, wie er sprach, wie begeistert er davon war – und auch immer bei unseren vorherigen „Quality-Time“-Auszeiten gewesen war.
So nannte er das: Quality Time.
Was – wie ich noch schnell überlegte, bevor ich antworten musste – ja nett gemeint war.
Ich brachte also Qualität in sein Leben.
Nicht sein Porsche.
Nicht sein Haus.
Nope.
Ich allein war der Garant für zweieinhalb Tage Qualität in seinem Leben.
Während er weiter darüber sprach, welche neue Angel er sich gerade gekauft hatte – um, wie er es nannte, „dickere Brocken an Land zu ziehen“, und ich nur zustimmend nicken konnte (was erstaunlich war, denn wir telefonierten auf die altmodische Art – ohne Face), überlegte ich, ob seine Ausdrucksweise etwas damit zu tun hatte, dass er in der Finanzwelt arbeitet.
„Warte mal kurz“, unterbrach ich ihn. „Du weißt doch, dass ich seit dem letzten Mal meinen alten Kombi verkauft habe.“
Ich verschwieg, dass das keine ökobiologische Gesinnung war, sondern schlicht daran lag, dass ich Geld brauchte.
„Wo sollen wir denn die ganzen Sachen verstauen fürs Campen?“
„Da mach dir mal keine Sorgen, ich habe jetzt einen Panamera E – Porsche“, kam zurück.
Nicht angeberisch.
Eher so, als wolle er sagen: Ich bin für dich da, mein alter Schulfreund.
Was mich – zugegeben – ein bisschen rührte.
Trotzdem stellte ich mir vor, dass das E beim Porsche nicht für „elektrischer Antrieb“ steht, sondern für „50.000 Euro mehr“ als sein alter Porsche.
Mit dieser Summe könnte ich drei Jahre sehr gut leben.
Für ihn aber war es ein Zeichen, dass er die Energiewende verstanden hatte.
Seht her, ich trage ein E am Ende meines Nummernschildes.
Wenigstens dabei konnte ich ihn toppen.
Ich machte keine Urlaube, konsumierte so wenig, dass man es nicht mal „konsumieren“ nennen konnte.
Eher: günstig besorgen.
„Also, was sagst du – wann wollen wir los? Freitag um fünf Uhr?“
„Fünf Uhr?!“, brachte ich nur erschrocken hervor.
Fünf Uhr – das war schließlich: dunkel, kalt, kein Kaffee, wenig Schlaf.
„Das ist aber früh“, ergänzte ich noch, bevor er antworten konnte.
„Ich stehe immer um fünf Uhr auf, mache mir einen Kaffee und gehe dann joggen, bevor ich zur Arbeit gehe.“
„Geht auch um sechs Uhr? Dann kann ich vorher noch die Blumen meiner Nachbarin gießen, bevor wir fahren.“
Glatt gelogen – aber ich flirtete innerlich mit mir selbst für diesen klugen Einwand.
„Ja, das geht auch. Dann gehe ich halt vorher eine Runde laufen.“
„Was soll ich uns besorgen fürs Campen?“
Ein kluger Einwurf von mir – zeigte er doch, dass ich gewillt war, meinen Teil beizutragen.
„Meinst du so etwas wie Kartoffelsalat und Würstchen zum Grillen?“, kam süffisant zurück.
„Oder Bier“, konterte ich, um nicht völlig blöd dazustehen.
„Ich habe schon für alles gesorgt. Du musst dir keine Gedanken machen.“
„Ich will aber nicht, dass du alles tun musst“, warf ich etwas säuerlich ein.
„Naja, das bisschen Telefonieren schaffe ich schon. Und ich bekomme Prozente, wenn ich da anrufe. Du nicht.“
„Wovon sprichst du?“
„Vom Caterer. Ein alter Bekannter von mir.
Wir wollen es uns doch gutgehen lassen. Und dein Kartoffelsalat schmeckt immer – sorry – scheiße.“
Da hatte er einen Punkt.
„Das ist ja selbst für dich bescheuert – aber auch irgendwie cool“, murmelte ich.
Ich stellte mir vor, wie wir auf dem Campingplatz saßen – und dreimal täglich der Caterer unsere Mahlzeiten vorbereitete.
Wahrscheinlich hatte er auch schon einen Grillmeister gebucht.
Spezialisiert auf: Nicht vegan.
Wo sind sie hin, unsere Ravioli-Zeiten?
Als wir erst merkten, dass die Gaskartusche leer war, wenn wir sie brauchten.
Erst Fluchen, dann Lachen – und dann aßen wir die Ravioli eben kalt.
Heute wäre das undenkbar.
Nicht das Kaltsein.
Sondern weil ich mittlerweile weiß, dass in einer Dose Ravioli fast so viel Zucker ist wie in einer Cola.
Um die 30 Gramm.
So gesehen: Das Catering wird vermutlich gesünder.
„Also, was sagst du nun?“, forderte mein Freund.
„Zum Catering oder allgemein?“, warf ich ein, um Zeit zu schinden.
„Zu beid…n“, kam es zurück – abgehackt.
„Ich höre dich gerade schlecht. Wo bist du denn?“
„Ich, bin… warte… so besser?“
„Ja.“
„Ich bin gerade in Holland. Uns einen schönen Platz sichern.“
„Wen ‚uns‘?“
„Na, uns zwei.“
„Du redest von dir und deiner Frau, oder?“
„Nein, ich rede von dir und mir. Warte kurz, ich muss kurz was klären…“
Macht man das heute so?
Einen Campingplatz, der 400 Kilometer entfernt liegt, aufsuchen, um ihn zu inspizieren, ob er für zweieinhalb Tage genügt?
Gut.
Ich dachte an die Zahnarzthelferin vom Vortag.
Auch sie war überfordert mit dem Leben.
Und ihrer Tochter – während der laufenden Behandlung – hörte ich, dass sie Stress habe, weil sie die Organisationschefin der Geburtstagsfeier ihrer Tochter noch schnell anrufen müsse.
Die Tochter wolle jetzt keine Feier mehr unter dem Motto „Lilly Fee“, sie stehe nun auf …
…etwas, das so ähnlich klang, aber ich nicht behalten habe, weil ich mir eine 17-Jährige im kurzen Prinzessinnenkostüm vorgestellt hatte.
Was vielleicht nicht ganz sittlich war, aber der Tatsache geschuldet, dass ich Betäubungsmittel intus hatte.
Durch einen plötzlichen, spitzen Schmerz und ein „Sorry, bin abgerutscht“ wurde ich aus meinen Prinzessinnenträumen gerissen.
Gott sei Dank war der Schmerz schnell wieder weg.
Also beschloss ich, bei nächstmöglicher Gelegenheit zu fragen, wie alt die Tochter denn sei.
Nur weiß man beim Zahnarzt nie, wann so eine Gelegenheit ist.
Es ist ein ständiges: Saugen, Bohren, Klemmen, Spülen.
Und jedes Mal, wenn ein Arbeitsschritt sich ändert, denkt man: Jetzt aber. Jetzt ist es gleich vorbei.
Ist es aber meist nicht. Statistisch gesehen.
Als es dann endlich soweit war, wollte ich die Frage unbedingt raushauen.
Was ich auch tat.
Besonnen, wie ich bin – aber erst nach dem Spülen.
Noch mit dem Kopf in diesem kleinen Keramikbecken.
„Drei Jahre“, kam als Antwort.
Was mein Gehirn nicht mit meiner Prinzessinnenfantasie zusammenbekam.
Gott sei Dank.
Ich lehnte mich zurück und sah in das Gesicht dieser Ich-tue-alles-für-mein-Kind-Mutter.
Und mir wurde klar, dass ich aus reinem Eigennutz ihr nun bestätigen musste, wie toll sie zu ihrem Kind war –
…wollte ich nicht der Grund sein, dass sie demnächst öfter abrutschte.
„Das ist ja toll“, brachte ich deshalb leicht dümmlich hervor.
Aber sie empfing es nicht als dümmlich, sondern war begeistert von meiner Empathie.
Sie lächelte mich an.
Aber nur kurz.
Denn, ermutigt von ihrem Lächeln, erwähnte ich noch, dass wir damals bei Geburtstagen nur Topfschlagen gemacht hätten – und zum Essen gab es Negerkussbrötchen.
Was man ja heute nicht mehr sagen dürfe.
Aber „Schaumküsse“ würde ich eher mit was anderem, nicht jugendfreien, verbinden.
Danach verabschiedete ich mich schnell und verschwand – in der Hoffnung, dass nicht jeder diese Doppeldeutigkeit verstanden hatte.
Ich sagte nichts mehr.
Nicht beim Zahnarzt, nicht am Telefon.
Nur in mir drin begann etwas zu sortieren.
„Bist du noch da?“, wollte mich mein Kumpel zurück ins wahre Leben holen.
„Ja, klar.“
„Du, ich habe einen tollen Platz für uns gefunden. Ich schick dir gleich mal ein Video. Oder noch besser: Ich verlinke dich auf meinem TikTok-Account.“
„Du hast TikTok?“
„Klar! Hat doch jeder.“
Mein fast 60-jähriger Freund treibt sich auf TikTok herum –
und ich mache mir Sorgen, dass ich mir unter Drogen eine 17-Jährige im Prinzessinnenkostüm vorstelle.
Also ich, nicht die Prinzessin.
„Du kannst mich nicht verlinken – ich bin da nicht.“
„Dann Instagram?“
„Nope.“
„Facebook?“
„Nope.“
„Gottverdammter Wahnsinn – du bist so cool. Wie machst du das nur?“
„Was?“
„So zu leben.“
„Keine Ahnung. Ich lebe halt so vor mich hin.“
„Genau das meine ich! Du hast so ein cozy Leben. Richtig beneidenswert.
Vielleicht sollten wir mal tauschen? Du bekommst meine Autos, mein Haus, meine Sportvereine, meinen Job – und alle meine Freunde.
Und ich bekomme deine Bude, in der du seit Jahrzehnten wohnst, mit deinem Hund.“
„Der ist seit 15 Jahren tot.“
„Ach so. Sorry. Aber ich meine das ernst. Lass uns das am Wochenende bequatschen. Ich muss jetzt los, damit ich noch rechtzeitig zur Maniküre komme. Melde mich. Tschüss.“
Weg war er.
Und ich allein mit meinen Gedanken.
Sollte ich das mal ausprobieren?
Klang verlockend.
Doch dann fiel mir ein, wie viel Verantwortung und Stress so ein Leben hat.
Mit welcher Frequenz und Taktung das Leben meines Freundes läuft.
Mein Metronom des Lebens schlägt so langsam, dass man stehen bleiben muss, um zu sehen, dass es sich bewegt.
Seins läuft auf Dopamin.
Bei dem Gedanken wurde ich unruhig – und musste pinkeln.
Langsam stieg ich aus dem Bett und begab mich ins Badezimmer.
Nach und nach sackte die Erkenntnis durch:
Ich hatte alles nur geträumt.
Den Campingausflug.
Meinen Freund.
Die ganze Situation.
Ich wünschte, auch der Zahnarztbesuch wäre ein Traum gewesen –
aber der hatte sich am Tag zuvor leider genau so zugetragen.
Nach der Erleichterung auf der Toilette kam die nächste:
Kein Camping, kein Aufbruch um fünf Uhr früh.
Vielleicht war es wirklich nur ein Traum.
Aber einer, der mir zeigte, was ich nicht mehr brauche.
Und was mir reicht.
Ich konnte liegen bleiben – in meinem cozy life.
Mein Metronom schlug leise weiter.
Kaum hörbar.
Aber meines.