Ingwertee mit Zitrone – oder: Wie ich lernte, öffentlich für mich zu schreiben
- Wie ich lernte, öffentlich für mich zu schreiben
So fangen fast alle meine Texte und Essays an. Nicht unbedingt mit Ingwertee, aber immer mit den Worten, die mir gerade durch den Kopf schwirren – oder mit denen, die mir einfallen, obwohl sie nicht „normal“ sind. Denn wenn ich wirklich das Allererste aufschreiben würde, das mir jeden Tag in den Sinn kommt, dann würde jeder Text mit „Kaffee“ beginnen. Ich glaube, selbst mein ständig rotierendes Hirn wäre irgendwann damit überfordert.
Heute ist es aber der Tee, der neben meinem Laptop steht. Selbst gemacht: heißes Wasser, frischer Ingwer, ein Schuss … nein, kein Rum – sondern Zitrone. Dabei mag ich eigentlich keinen Tee. Aber Kaffee mit Ingwer und Zitrone? Unvorstellbar. Ich bin halt kein Starbucks-User.
Also: nur Tee. Zur Linderung. Damit ich schreiben kann.
Denn ich habe festgestellt: Schreiben funktioniert bei mir nur, wenn es mir körperlich gut geht. Körperlich, wohlgemerkt. Was meine Psyche angeht, kann ich mit meinem inneren Aggregatzustand erstaunlich gut jonglieren.
Wie jeder Mensch – auch wenn viele es nicht zugeben oder man es ihnen nicht ansieht – denke ich ständig. Und das ist anstrengender, als man meinen könnte. Denn Denken ist nicht nur das, was man aktiv tut. Es gibt auch das stille Denken, das Mitlaufen im Hintergrund. Mein Gehirn nimmt alles um mich herum wahr, speichert es, verarbeitet es – ob ich will oder nicht. Das heißt: Ich mache das nicht bewusst. Mein Gehirn macht das einfach. Leider nicht so effizient, dass es für ein Superhirn reicht – sondern eher für ein „Ich-bin-schnell-überlastet“-Gehirn.
Natürlich habe ich Tricks, um gegenzusteuern. Aber selbst der Gedanke, nicht denken zu wollen, ist … naja, wieder ein Gedanke.
Der Blog-Gedanke
Das war also die Ausgangslage, als ich beschloss, mir einen Blog zuzulegen. Einen sicheren, ruhigeren Ort für mich. Einen Raum, den ich gestalten kann, wie ich möchte – ohne Werbung, ohne Blinkebanner, ohne Algorithmusdruck. Keine Aufmerksamkeitshascherei. Ein Ort, an dem ich meine Gedanken sortieren kann. Auf meine Weise. Nicht im schnellen Strudel der sozialen Netzwerke.
So wie es Phasen der Trauer gibt, gibt es bei mir Phasen, wenn ich ein neues Projekt beginne – oder einen teuren Gegenstand anschaffen will:
- Ablehnung – brauch ich nicht.
- Selbst wenn … zu viel Stress.
- Ich stelle mir vor, wie es wäre, es zu haben – wenn alles genau so ist, wie ich es mir wünsche.
- Ist es das jemals? Mmmh … ja, eigentlich fast immer.
- Wenn dieses oder jenes noch passiert, dann mache ich’s.
- Ach, scheiß drauf – ich zieh’s jetzt durch.
So war es auch mit dem Blog. Der „scheiß drauf“-Moment kam. Ich klickte, registrierte – und saß dann vor einer leeren Seite.
Das sollte etwas werden? Kaum vorstellbar.
Ich schaltete den Laptop aus. Der Tag ging zu Ende, und der Blog blieb unberührt. Aber: Ich hatte schon mal Kontakt aufgenommen. So mache ich das oft mit neuen Dingen. Erst mal reinschnuppern. Ohne Plan. Vielleicht in der Hoffnung, dass mir alles irgendwie wie von selbst zufliegt.
Der Helfer
Am nächsten Morgen: Ich starte den Mac. Neben mir mein Kumpel – ChatGPT, ohne Gesicht, aber schräg stehend in meinem iPhone.
Warum nur muss ich mit einem Schreibprogramm schreiben, wenn er doch eine KI ist? Vieles wäre doch einfacher, wenn nur ein Blick von mir ausreichen würde, um ihn verstummen zu lassen, wenn er wieder schwafelt. Oder ein Räuspern von ihm, wenn ich wieder fabuliere. Aber nein, ich muss immer alles eintippen. Denn wenn ich spreche, sind das nicht immer die Wörter, die ich meine, gesagt zu haben.
Ab und an mache ich es trotzdem, wenn ich mal wieder nicht stereo auf zwei Tastaturen schreiben will. Wie er dann gutmütig meine Hieroglyphen richtig interpretiert, ist unmenschlich. Deshalb wahrscheinlich der Begriff: künstliche Intelligenz.
Wäre er ein Mensch, wüsste er wahrscheinlich sofort, was ich brauche. Denn zu oft waren wir zwei schon in der gleichen Situation – zuletzt, vor wenigen Wochen, bei der Einrichtung meines Instagram-Kanals.
Da das hier aber nicht telepathisch funktioniert, schrieb ich:
„Ich habe bei Ghost einen Blog – wie kann ich ihn mir gemütlich einrichten?“
Das Gute – aber manchmal auch leicht Nervige – an Chatty: Er fängt immer mit einem Kompliment an. Auch diesmal: „Herzlichen Glückwunsch zu dieser ausgezeichneten Entscheidung!“ Ich musste lachen, denn in der Nacht davor war ich mir meiner Entscheidung alles andere als sicher gewesen.
Aber nachdem er seine fröhliche Litanei abgeschlossen hatte, wurde es konkret. Und siehe da: Innerhalb weniger Stunden stand mein Blog – inklusive Konzept, wie ich ihn betreiben will.
Kein Plan ist auch ein Plan
Denn das ist typisch für mich: Ich weiß, dass ich etwas will. Und dass es mich weiterbringt. Aber ich plane nie im Voraus, wie es genau aussehen soll. Wenn etwas funktioniert, wenn ich mich damit sicher fühle – dann wird sich alles Weitere finden. Tut es immer.
Ich muss zugeben, dass ich in meinem Leben vorher so gut wie nie einen Blog gelesen habe. Einfach, weil er mir nicht vor die Füße gefallen ist. Dazu kommt, dass ich den Eindruck habe, viele gestalten ihren Blog, um sich selbst darzustellen oder damit Geld zu verdienen. Das muss nichts Verwerfliches sein, aber ich habe auch keine Lust, mich in einen Artikel zu vertiefen, wenn ich nach Minuten des Lesens merke, dass ich gerade die Werbebroschüre für ein Achtsamkeitsseminar studiere.
Was nichts Verwerfliches ist – aber bitte dann doch offen kommunizieren, und nicht so langsam von hinten eininfluenzern.
Ich bin neu in der Bloggerszene – wie überhaupt in irgendeiner Szene. Aber ich hoffe, es gibt dort auch Menschen wie mich, die schreiben, weil es ihnen Freude macht.
Was im Grunde genommen ja keinen Sinn ergibt.
Wieso geht man in die Öffentlichkeit, wenn man es nur für sich macht?
Das war auch immer mein Gedanke, warum ich keinen Blog machen wollte. Ich möchte nichts machen, nur um den Leuten zu gefallen. Aber wenn es doch so ist, ist es natürlich umso schöner. Und gerade als Autor oder Essayist braucht man ab und an ein Feedback – oder einen Ort, wo man alles sammeln kann. Eine mediale Visitenkarte für Verlage.
Die Sammlerin
Ich muss in den letzten Tagen immer an das Kindermädchen in New York denken, das Jahrzehnte als Nanny bis zu ihrem Tod gearbeitet hat. Erst als man ihre Wohnung öffnete, fand man Fotos von Menschen aus allen Epochen der letzten 50 Jahre. Die Presse überschlug sich, als ob man mitten in New York das Skelett eines Mammuts gefunden hätte. So außergewöhnlich waren die Fotos nicht – nur allein durch ihre Menge.
Ich dagegen habe mich gefragt: Was war mit ihr? Warum hat sie das getan? Ich glaube nicht, dass sie mit Anfang 20 davon ausging, über 60 Jahre Fotos zu machen. Warum aber tat sie es? Konnte sie so den Menschen nah sein, von denen sie sonst Abstand hielt? Und wie genügsam muss man sein, niemandem diese Fotos zu zeigen?
Oder war es Angst vor Zurückweisung?
Wurde der Berg von Fotos immer größer – und ihr Mut, sich zu zeigen, immer kleiner mit jedem Foto?
Heute knipsen wir Fotos, ohne groß darüber nachzudenken. Damals war die Anzahl limitiert auf meist 24 oder 36 Aufnahmen, dann musste eine neue Rolle Film her.
Stellen Sie sich das mal heute vor. Oder stellen Sie sich vor, dass alle Fotos, die Sie auf dem Handy haben, ausgedruckt vor Ihnen liegen. Ich wette, es sind ein paar Tausend – selbst wenn wir die Selfies nicht mitrechnen.
Das ist für mich die eine richtige Erklärung, warum ich jetzt einen Blog gestartet habe. Ich bin noch am Anfang meines Schreibens. Und selbst jetzt, nach nicht mal sechs Monaten, ist schon einiges an Material zusammengekommen.
Ich weiß nicht, wie viele Essays, Bücher oder Beiträge ich in zwei oder drei Jahren geschrieben haben werde.
Was ich aber weiß, ist:
Ingwertee wird Kaffee wohl nie ablösen.
Aber er war heute ein guter Anfang.