Ein Platz im Leben
14. Ein Essay über Zugehörigkeit und das Stille Gefühl von zu Hause.
Er hat sich oft geändert, mein Platz im Leben.
Doch was genau meint man eigentlich damit?
Ich habe mich das in letzter Zeit häufiger gefragt. Ob der Sinn dieser Aussage nicht etwas anderes meint, als man gemeinhin annimmt. Etwas viel Direkteres.
Man sagt: „Ich habe meinen Platz im Leben gefunden.“
Oder: „Der Platz an meiner Seite ist noch frei.“
Immer ist „Platz“ im übertragenen Sinne gemeint – eine Stelle, die besetzt oder noch einzunehmen ist.
Selbst Hunden gibt man mit einem knappen „Platz“ einen Ort vor, den sie unverzüglich einnehmen sollen.
Und wir Menschen? Wir wechseln unsere Plätze nach Belieben – durch Arbeit, Vergnügen oder Urlaub.
Hier bin ich, hier kann ich sein.
Aber ist alles, wo ich bin, wirklich mein Platz?
Oder ist vieles davon nur Wunschdenken?
Natürlich: Ich habe eine Familie, also scheint hier mein Platz zu sein.
Ich arbeite seit Jahren für eine Firma – also gehört ein kleines Stück dieses Platzes auch mir.
Bei mir war es nie so.
Vierzig Jahre habe ich an verschiedenen Orten, in verschiedenen Häusern gearbeitet.
Doch es fühlte sich nie an wie mein Platz.
Es war meine Arbeitsstelle, aber nicht mein Ort.
Es gab Arbeitsbekannte, aber keine Kollegen.
Zu stressig war der Job, zu hektisch die Abläufe.
Jeder war froh, wenn er am Ende des Tages erschöpft gehen durfte.
Ich glaube, niemand hätte diese Orte als seinen Platz bezeichnet.
Zum Abschalten geht man seinen Hobbys nach. Hier kann man sich entfalten.
Doch oft sind auch diese Räume von Erwartungen und Routinen überlagert.
Man ist froh, dort abschalten zu können – aber leben möchte man dort auch nicht.
Wer kann sich schon vorstellen, dauerhaft auf einem Fußballplatz oder in einem Yogastudio zu wohnen?
Wobei Letzteres noch einen gewissen Reiz hätte.
Ich habe in all den Jahren viel gemacht, aber selten irgendwo dazugehört.
Und irgendwann, schneller als man denkt, werden selbst diese Orte unwichtig oder gar tabu.
Meist aus mehreren Gründen, die sich später als erstaunlich nebensächlich herausstellen.
Also beginnt man mit dem Nestbau.
Wenn schon draußen keine Action mehr hinter der Wohnungstür wartet, dann soll es wenigstens drinnen gemütlich sein.
Doch bei vielen scheint selbst das nicht mehr gegeben.
Als hätten sie den Sinn ihres Lebens verloren, sobald sie nicht mehr zur Arbeit gingen.
Manch einer kompensiert mit Reisen – viel Quantität, wenig Qualität.
New York, Rio, Singapur in zehn Tagen. Muss schon drin sein.
Alles im Hochformat gefilmt: Cocktailglas, Pool, Skyline.
Aber kaum ein Platz, um wirklich runterzukommen.
Vielleicht wäre es ehrlicher, sich eine kleine Hängematte zwischen zwei Palmen zu wünschen.
Mit Wolldecke. Und vielleicht einem alten Stofftier.
Ein Ort, der nicht perfekt aussehen muss, aber ehrlich Ruhe geben könnte.
Vielleicht findet man seinen Platz eher, wenn man viel reist. Wer viel sieht, hat viel Auswahl.
Nur wissen wir seit dem Internet, dass das nur die halbe Wahrheit ist.
Viel Auswahl heißt auch Überforderung.
Was beim Daten ein Zuviel an Möglichkeiten ist, kann bei der Platzwahl nicht anders sein.
Selbst ein erfahrener Mannschaftskapitän überlegt bei der Seitenwahl, welche er nimmt.
Was wäre, wenn er mehrere hätte?
Oder sucht der Reisende immer nur einen Platz, den er gerne wieder verlassen möchte?
Würde Sinn machen.
Doch dann kommt er nach Hause – und plant schon den nächsten Platzwechsel.
Unterbewusst mache ich es deshalb seit Jahren anders.
Heute bewusst, aber es war ein Prozess, der sich über zwei oder drei Jahre hingezogen hat.
Ich mache Urlaub dort, wo ich so weiterleben kann wie zu Hause.
Wo ich also meinen Platz mitnehmen kann.
Und nein, ich reise nicht mit einem rollenden Wohnzimmer namens Wohnmobil.
Ich reise in Ferienwohnungen oder Häuser, die einen gewissen Standard haben.
Nicht in Sternen gemessen, sondern in meinem eigenen „Platzrating“.
Dabei kann mein Platz völlig unterschiedlich aussehen.
Er muss sich nur für mich gut anfühlen.
Und – das muss ich leider zugeben – bequem sein.
Es kann die Essener Wohnung sein, in der man von der Couch auf ein großes Aquarium blickt,
oder eine Ferienwohnung mit Blick auf die Dünen von Zoutelande.
Doch es geht nicht um den Blick, sondern um die Präsenz des Platzes,
der sagen muss: Mach mich zu deinem Platz.
Dann lebe ich mein Leben, mache dies und das am Tag,
komme aber zurück zu meinem neuen Platz.
Manchmal braucht es nur ein paar Kleinigkeiten, um einen neuen Ort zu meinem zu machen:
einen Duft, ein Kissen, eine Decke.
Aber ab und an gelingt das nicht.
Ich merke das, sobald ich durch die Tür trete: Das wird nicht meins.
Und je mehr ich dagegen ankämpfe, desto schlimmer wird es.
Meist bin ich dann nach ein paar Tagen wieder weg.
Ich habe gelernt, damit zu leben.
Ein Platz im Leben ist wichtig.
Und wenn einer nicht meiner ist, dann bleibt er eben ein Ort – mehr nicht.