Pas de deux / Schritt zu zweit

Pas de deux / Schritt zu zweit

Applaus.
Wie so oft in meinem Leben. Zu Beginn meines Lebens als Aufmunterung, weiterzumachen, dranzubleiben. Heute eher höflich. Sicher, ich habe mein Bestes gegeben, auch wenn ich weiß, dass es einmal einfacher war, geschmeidiger. Mit meiner Routine und meinem Lächeln kann ich vieles überspielen, zumal der Orchestergraben zwischen mir und dem Publikum liegt – ein schmaler Schutzraum, der Distanz schafft. Der Abend war wunderbar gewesen, ein letztes Mal im Erinnern schwelgen, noch einmal in den starken Armen meines Kollegen gleiten. Dieser eine magische Moment, wenn man weiß, dass unser Zusammenspiel eins wird. Eins mit der Musik. Eins mit uns. Wenn das gelingt, ist alles andere egal. Dann ist es wahrhaftig. Die Musik ist nicht einfach da, sie trägt uns hinauf in Sphären, die keiner im Publikum jemals erreichen wird. Deshalb klatschen sie. Sie beurteilen uns nach ihren Maßstäben. Maßstäben, für die wir hungern, trainieren und manchmal sogar bluten. Wir tun es aus Liebe zur Kunst. Denn unsere Kunst ist Perfektion. Nicht nur im Tanz, auch in der Art, wie wir unsere Körper formen. Wie ein Bonsai dauert es Jahre, jede Linie, jede Spannung sichtbar zu machen. Selbst ohne weibliche Rundungen wirken wir schön und elegant – oder vielleicht gerade deshalb. Reduziert auf das Pure. Jedes Zuviel fehlt an unseren Körpern. Manchmal scheint es, als wären sie von Michelangelo geformt worden. Und doch fühlt sich mein Körper beim dritten Vorhang anders an: wie Marmor. Starr. Glänzend. Vom Schweiß überzogen, der nicht mehr glänzt, sondern schwer auf der Haut liegt. 

Ich kenne dieses Gefühl.
Das ständige Wiederholen, bis nichts Zufälliges mehr bleibt. Das Streichen dessen, was zu viel ist. Linien schärfen, Übergänge glätten, Fehler so lange ansehen, bis sie verschwinden oder Teil der Form werden. Manchmal bleibt nur wenig übrig. Aber das Wenige muss tragen. Wie sie dort steht, sich wieder und wieder verbeugt, ist beinahe bezaubernd. Ich frage mich, was sie denkt. Ob sie überhaupt noch denkt – oder längst nur geschehen lässt. Ob sie wahrnimmt, dass einige bereits gehen. Es ist der Respekt, der diesen Leuten fehlt. Sie würden sagen, es sei die Zeit. Als ließe sich damit alles erklären. Was steht dem gegenüber? Lebenslanges Training. Ein Körper, der gelernt hat zu gehorchen. Eintrittspreise, Applaus, Anerkennung. Dem gegenüber stehen für mich Resonanz, Verlagsangebote, Verkaufszahlen. Doch für wen. Oder besser: warum.

Ist eine Primaballerina eine Ballerina, wenn sie nur für sich tanzt? Ich würde sagen: ja. Aber welchen Sinn hätte es. Nimmt man all diese Mühe, all dieses Leid auf sich, um zu gefallen? Um sagen zu können: Seht her, ich kann etwas, was ihr nicht könnt. Ich weiß, dass dies nur einen kleinen Teil ausmacht. Und doch ist Schreiben ohne Resonanz leer. Wörter auf Papier hinterlassen keine Spur. Sie widersprechen nicht. Sie applaudieren nicht. Sie liegen still. So wie ein Theaterboden nicht urteilen kann, ob sie an diesem Abend über ihn geschwebt ist oder gelitten hat. Zu viele Tänzer stehen gleichzeitig auf ihm. Der Schlussapplaus vereint sie alle. Einer nach dem anderen tritt vor – und doch bekommt nur sie die Blumen. Den besonders lauten Beifall.All die Blumensträuße, die sie im Laufe ihres Künstlerlebens erhalten  hat, eingetauscht gegen ihre Jugend. Denn das ist die Währung, mit der sie bezahlt. Schon früh weiß sie, dass ihre Zeit begrenzt ist. Am Höhepunkt angekommen – sofern sie ihn überhaupt erkennt – beginnt die Uhr gegen sie zu arbeiten. Die Nachfolgerinnen stehen bereits bereit. Warten auf Fehler. Auf Verletzungen. Auf den Moment, in dem der Körper nachgibt. Die Blumen aber sind ein immer wieder neu verwelkender Trost. Ein Zeichen der Vergänglichkeit. Vielleicht ein böses Omen, vielleicht ein gut gemeinter Rat. Sie nimmt sie als das, was sie sind: ein überteuertes Zeichen der Anerkennung. Dafür, dass sie bereit ist, sich weiter zu quälen. Und, wenn man ehrlich ist, immer mehr. Für wenig Geld.

Die Blumen werden mit jeder Vorstellung schwerer. Und doch verbeuge ich mich besonders tief, wenn sie mir überreicht werden. Mittlerweile muss ich aufpassen, dass ich dabei nicht die Kontrolle verliere. Ich mache einen Knicks aus Höflichkeit, aber auch, weil die Last mich nach unten zieht. Jedes Gramm an meinem Körper ist von mir exakt benannt und hinterlegt. Jede einzelne Blüte trägt schwer auf meinen Gelenken. Ich wäge ab, sehe die Schönheit dieser Blumen, doch es ist eine schwere Schönheit. Eine, die nicht bleibt. Aber das sehe nur ich. Für die Applaudierenden ist es eine Genugtuung, wenn ich förmlich eins werde mit den Blumen, wenn ich in ihnen versinke. Großer Massenmord an blühenden Blumen gleich große Auszeichnung für mein Lebenswerk. „Zwar nicht in Stein gemeißelt, dafür aber mit Knochen, die sich so anfühlen“, denke ich und lächle dabei. Nicht, weil mir die Idee gefällt, sondern weil ich merke, dass ich wieder im Spotlight bin. Um die Wette strahle mit den Blumen. Würde ich es merken, wenn die Rosen Dornen hätten? Nein, denke ich. Ein weiterer Schmerz wäre mir egal. Würde meinen immer noch rasenden Puls nur stabilisieren.

War da ein Schwanken? Nur ein klitzekleines Zucken. Nur wer abseits schaute, konnte es sehen. Ich liebe es, zwischen den Zeilen zu schreiben und zu lesen. Mit den Jahren habe ich gelernt, dass das, was nicht im Rampenlicht steht, mehr sagt als jede Verkaufszahl. Ich liebe es, in den Büchern der alten russischen Meister zu stöbern, statt mir vorschreiben zu lassen, was der neueste Verkaufshit ist. Jetzt bin ich sicher, dass da etwas war. Kurz nach der Blumenübergabe, als das Spotlight sich dem Tänzer zuwendet. Nicht, um ihm Blumen zu überreichen – dafür reicht es wohl nie. Eine Schande, aber nicht das Problem der Ballerina, die momentan nur ein Schatten hinter ihm ist. Ein winziger Augenblick der Menschlichkeit von ihr, gelesen als Schwäche von mir, aber vielleicht auch nur normal. Jemand, der gelernt hat, perfekt zu funktionieren, weiß auch, wann er sich kurz sammeln kann, ohne dass es dem Publikum auffällt. Mir schon. Weil ich solche Momente liebe. Sie sind es, die die Wirklichkeit zeigen, nicht das Trainierte. Will ich eine gute Ballerina sehen? Ja. Aber muss sie deswegen perfekt sein? Ja, merke ich gerade – und merke, dass ich mit mir selbst nicht zufrieden bin bei dieser Meinung. Da aber kein „Oh“ oder „Ah“ erschallt, bin ich wenigstens der, der sie sieht mit ihrer Schwäche. Die keine ist. Nur normal. Und doch konnte sie damit nicht warten, bis der Vorhang fällt. Würde ich über sie schreiben, hätte ich diese kleine Schwäche eingebaut. Das fesselt die Leser, stellt Fragen. Doch wer Fragen stellt, sollte diese auch später beantworten. Doch auch ich würde die Schwäche wählen. Denn Schwäche bedeutet in diesem Fall Kraft. Die Kraft, sich schwach zu zeigen. Mutig zu sein. Egal, was alle anderen wollen. Zu sagen:
„Hier bin ich. Besser geht nicht.“

Wie eine abgesendete E-Mail an einen Verlag. Erst wenn alles perfekt ist, schickt man sie ab – mit steigendem Puls.75 Aufführungen in einer Saison. Persönlich muss es sein. Aber bitte schön professionell. Also: profi-persönlich. Vielleicht ein kleiner Hoppala im Text der Begleitmail. Ein Komma an der falschen Stelle oder ein „Sie“ kleingeschrieben? Nein, das wäre ein Fehler. Alles andere ist aber KI-verdächtig. 98-prozentige Genauigkeit sagt etwas über das Manuskript aus. Ja, das ist die unausgesprochene Wahrheit. Nicht für jeden, aber für viele. Die, die vor dem letzten Vorhang gehen, ohne dahinter schauen zu wollen. Was nicht geht – aber die Möglichkeit ist doch vielversprechend. Bei mir geht es. Ich frage mich, wie eine Ballerina reagieren würde, wenn sie keinen Applaus bekäme. Vielleicht ist das überhaupt die Definition einer Ballerina: Ohne Applaus kein Titel. Ohne Zusage kein Verlag. Aber kein Applaus wäre ehrlich. Wie eine begründete Absage. Nicht schön und auch nicht schmerzfrei. Welche Auswahlprozesse musste sie durchleben, um sich den Applaus und die Blumen zu verdienen? Mit Sicherheit viel mehr als ich, der einfach nur schreibt, weil er kann. Nicht muss. Weil es mir guttut. Und im Gegensatz zu ihr auch keine Schmerzen erleidet. Nicht endlich ist. Nicht mit einem baldigen Ende lebt. Ich tanze nur für mich. Bei guter Laune frage ich an. Habe dabei meinen Blumenstrauß schon selbst gekauft. Das feilt mich vor Ablehnung.

Da ist es wieder. Dieses Flimmern vor den Augen. Ein Rauschen wie ein verstummtes Fernsehprogramm nach dem Testbild. Man weiß nie genau: Ist das Bild jetzt wirklich scharf, oder müsste man die Antenne noch einmal nachrichten? Wie bei mir. Ich fühle mich jetzt so. Ich stehe noch hier, und doch weiß ich, dass es meine letzte Saison ist. Und dass es schon wieder meine letzte Saison ist. Anders als bei einer Rockband, die ihren Abschied verkündet und wenige Jahre später eine Reunion spielt, stehe ich hier und weiß, dass ich es tun werde. Dabei will ich eigentlich nur, dass es endet. Abgang mit Applaus – was will man mehr. Manchmal denke ich, es wäre eine Gnade, wenn ich nach dem Vorhang tot umfiele. Nur würde das mein Publikum nicht sehen. Es ginge also wieder von vorne los. Irgendwann. Nach einiger Zeit. Bevor sich der Staub setzt. Jetzt spüre ich das Ende. Nicht meines, sondern das der Endlichkeit vor dem Replay.

Ballett wirkt nach außen leicht, beinahe mühelos. In Wahrheit beruht es auf jahrelanger Disziplin, Wiederholung, Schmerzen - auf einem Körper, der gelernt hat, Regeln so vollständig zu verinnerlichen, dass er sie im Moment der Aufführung vergessen darf. Schreiben funktioniert ähnlich. Auch hier gibt es Technik: Rhythmus, Syntax, Tempo, Wiederholung, Pausen. Wer schreibt, ohne diese Dinge zu kennen, bleibt oft unbeweglich. Wer sich nur demonstriert, bleibt steif.

Vielleicht ist schreiben wie ein Pas de deux  mit der Sprache: man fühlt nicht, man folgt auch nicht. Man hält das Gleichgewicht gemeinsam.

75 Anfragen. 75-mal Hoffnung. Erst jetzt fällt mir auf, dass diese Zahl die Jahreszahl auf der VHS-Kassette ist, die gerade wieder bis zum Ende gelaufen ist. Warum habe ich bei 75 Anfragen aufgehört, mein Buch zu bewerben? Aus gutem Grund, würde ich sagen, wenn jemand fragte. Schließlich ist irgendwann auch genug. Doch es fragt keiner, und ich bin mir dessen nicht mehr sicher. Vielleicht wäre ich überzeugter, wenn das Tape von 1977 wäre. Und ehrlich gesagt würde ich dann – nach einer Nacht darüber – noch zwei weiteren Agenturen mein Manuskript schicken. Das wäre es mir wert. Eins zu sein mit ihr. Aber auch mit mir.

Read more