Der Leuchtturm

Der Leuchtturm

Der Leuchtturm stand dort, wo die Küste aufhörte.
Wie eine nicht tief genug hineingesteckte Stecknadel, die am Rand einer vom Wind und Regen verwitterten Landkarte vergeblich versuchte, das Land zu fixieren. Sein Licht war alt, älter als die Karten, älter als die Namen der Buchten. Man sagte, er sei nicht für Schiffe gebaut worden, sondern für die, die sie verlassen hatten. Doch das war nur eine Geschichte unter vielen. Für die Seelen der Matrosen, die den Weg nicht mehr fanden, hieß es. Wenn ein Schiff sank, änderte sich sein Licht. Nicht heller, nicht dunkler – nur dichter. Als könne er aus Leid Energie gewinnen. Für die Seefahrer war er immer ein sicherer Hafen gewesen. Aber nicht als Ankunftsort, sondern als Ort, den man zu meiden hatte. Früher war er ein Feuer, an dem man sich sprichwörtlich nicht verbrennen wollte. Auch wenn es eher ein lautes, qualvolles Zerschellen an den Klippen gewesen wäre. Zermalmt zwischen den Wellen und der Küste, mit der Tendenz, geschliffen zu werden wie die unzähligen Steine am Ufer. Doch diejenigen, die diese Gefahr kannten, scheuten sie nicht. Sie kannten sie zu gut aus Erzählungen. Nach Wochen oder gar Monaten auf See war es eine Freude, der Gefahr endlich ins Auge blicken zu können. Denn wo Gefahr ist, ist auch Leben. Er war ein Freund der Matrosen, der sprichwörtliche Freund in der Brandung. Aber ein Freund, dem man nicht zu nahe kommen durfte.

Gebaut für die Ewigkeit stand er nun ebenso lange an seinem Platz. Niemand wusste genau, wie lange schon. Nur, dass er immer dort gewesen war. Sicher, man hätte forschen können. Vielleicht seine Kreise zählen, wie man es bei Bäumen macht, um sein Alter zu bestimmen. Doch wir wissen, dass das Unsinn wäre. Von jeher wollte der Mensch Erklärungen. Oder kennen Sie etwas, das noch nicht erklärt wurde? Wenn ja, dann nur, weil man es noch nicht kann: das zu erklären, was sich nicht erklären lässt. Einige tun es trotzdem, andere glauben es. Ob ernsthaft oder nur, um ihre Ruhe zu haben, sei dahingestellt. Bis in das kleinste Atom wurde alles erforscht – und wird es noch immer. Nur dieser Leuchtturm nicht. Vielleicht hatte er sich dagegen gewehrt. Oder aber er hatte sich versteckt, in der meist tosenden, von Wasser und Sturm gezeichneten Küstenlandschaft. Kam man ihm doch zu nahe, strahlte alles an ihm Abweisung aus. Denn schließlich war er dafür gemacht. 

Bleibt mir vom Leib, oder ihr werdet es mit eurem Leben bezahlen, schien er zu sagen.

Und daran hielten wir uns. Alle – bis auf einen. Doch jener, den ich meine, war ein Abbild seines Herren. Dürr und so groß das er den Kopf einziehen musste wenn er durch die Tür des Wirtshauses trat. Das ist keine Anmaßung von mir, sondern überliefert: Er nannte seine Arbeitsstätte selbst „Mein Herr“. Auch sprach er stets in der dritten Person von sich, als wolle er nicht dazugehören, als stelle er sich selbst ins Abseits. Dabei hätte es dieses Verhalten nicht einmal bedurft. Allein sein Äußeres ließ die Menschen davon absehen, ihm näher zu kommen. Und die wenigen, die sich davon nicht abschrecken ließen, berichteten später davon, dass der Leuchtturmwärter – denn von ihm rede ich hier – roch wie alter Aal, getränkt mit Petroleum, das benutzt wurde, um die immerfort energiefressende Flamme des Leuchtturms am Leben zu erhalten, und nach Maschinenöl. Ein Schmiermittel, das sicher seit jeher ein lieb gewonnener Freund des verwitterten, von salziger Seeluft verrosteten Metalls der Kuppel gewesen war, in der sich der riesige Spiegel unaufhörlich drehte.

„Mein Herr war gestern sehr leidlich.“
Oder: „Mein Herr beklagt sich über das Wetter.“ Solche oder ähnliche Sätze sind die wenigen Male, in denen er gesprochen haben soll, zumindest ist es so überliefert. Doch nie hatte es jemand gewagt zu fragen, warum ein Leuchtturm sich über das Wetter beklagte. War er doch für das Wetter gemacht. Schlank und hoch gestreckt, dabei nur gelegentlich eine Möwe vor seinen Augen, ansonsten freier Blick bis zum Horizont, dem Himmel entgegen schauend. Ich glaube heute eher, dass der Wärter ein wenig übertrieb. Denn ebenso ist überliefert, dass er ein Trinker war. Was nicht verwundert. Was sollte er auch sonst den lieben langen Tag machen? Essen war wohl eher schwierig, bei den ganzen Stufen, die er täglich auf- und ablaufen musste. Ich vermute, er hörte sich selbst zu und unterhielt sich mit seinem Echo im Turm. Niemand wollte das jedoch infrage stellen. Man war froh, überhaupt jemanden gefunden zu haben, der diese Arbeit machen wollte. Ja, es schien sogar, als sei er für sie geboren. Doch auch das traute sich niemand auszusprechen, aus Angst, Unheil heraufzubeschwören. Denn niemand konnte sich erinnern, wann zuletzt ein Leuchtturmwärter gesucht worden war. Wie sein Herr schien auch er immer schon da gewesen zu sein – auch wenn das nicht sein konnte. Einige sagten, es sei ein Familienunternehmen. Er wäre der Sohn vom Sohn vom Sohn. Den Umstand, dass man nie eine Frau auch nur im Umkreis von einem Kilometer um den Turm gesehen hatte, verschwieg man dabei vor sich selbst. Warum auch. Es lief doch alles.

Im Nachhinein muss man sagen, dass der Turm und sein – nennen wir ihn Diener, Knecht wäre wohl zu despektierlich – das Gleichgewicht der Welt auf ihren Schultern getragen haben. Deshalb ging der arme Kerl mit den Jahren auch immer mehr nach vorn, leicht übergebeugt. Erwähnt hat er sein Leid jedoch nie. Klagen, so schien es, gehörte nicht zu seinem Repertoire. Auch wenn er diesen Begriff selbst nicht gekannt haben konnte. Und doch stand in seiner Stellenbeschreibung, die bestimmt auf einer mit Wachs unterzeichneten Papierrolle in einer Ecke – sofern es diese in einem runden Leuchtturm überhaupt gibt – vor sich hin staubte, er solle alles dafür geben, dass der Leuchtturm den Matrosen ein sicheres Geleit bieten könne. Doch auch wenn die Zukunft an diesem Ort erst viel später ihren Platz finden sollte, kam sie dann doch. Zunächst verkleidet unter dem Mantel der Arbeitsverbesserung, wenig später unverhohlen als seelenloser Automatismus, der den Leuchtturmwärter überflüssig machte. Welch ein Erfolg.

Niemand musste mehr an diesem kalten, nassen Ort der Einsamkeit leben. Und was noch wichtiger war: Niemand musste diesen Menschen mehr dafür bezahlen. Doch man wollte nicht unmenschlich sein und dem Wärter eine Abfindung zahlen. Schließlich hatte er nie auch nur einen einzigen Tag gefehlt. Selbst seinen Urlaub schien er auf dem Turm zu verbringen. So jemand musste mit Gebühr – und auch mit Gebühren – in den Ruhestand verabschiedet werden. Als man jedoch in den digitalen Akten nachsah, konnte man ihn nicht finden. Denn es gab sie schlicht nicht. Selbst der findigste IT-Mitarbeiter war ratlos. Es schien, als hätte der Leuchtturmwärter den digitalen Tod erlitten. Oder genauer: Er war dort nie geboren worden, nie von der Personalabteilung angelegt worden. Eine Peinlichkeit sondergleichen. Schließlich schickte es sich doch nicht, den Mann selbst zu befragen, wie lange er schon im Dienst war – und was er verdiente. 

Man holte die Sekretärin des Bürgermeisters in dessen Büro – jene Frau, die den Ruf hatte, nie auch nur einen Finger auf eine, wie sie es nannte, „elektrische Tastatur“ zu legen. In der Hoffnung, sie könne für Aufklärung sorgen. Wenn jemand etwas über den Wärter wusste, dann sie. Denn sie war die stempelnde Instanz, nicht nur des Dorfes, nein, der ganzen Gemeinde. Als sie in Rente ging, nahm sie ihre Stempel mit. Es war keinesfalls Diebstahl. Sie wurden schlicht nicht mehr gebraucht. Seit Jahren nicht mehr. Doch man hatte damals entschieden, dass Kontinuität besser sei als Modernisierung. Und nun wollte man davon profitieren. Sie musste wissen, welches Gehalt der Wärter bekam. So saß man also da, bei Kaffee und Keksen. Makronen, um genau zu sein, denn diese liebte die Pensionärin, wie man sich noch zu erinnern glaubte. Man plauderte über dies und das, erkundigte sich, wie es ihr erginge, und wartete nur auf den richtigen Moment, die eine Frage stellen zu können. Die Luft schien immer stickiger zu werden, der Kaffee immer schaler, aber die Laune der Pensionärin immer besser. Schließlich hatte sie nicht mehr oft Gelegenheit, sich derart herauszuputzen wie zu diesem „Geheimtreffen“, wie sie es scherzhaft nannte. Doch die Frage musste gar nicht gestellt werden. In ihrem Redeschwall erwähnte sie beiläufig, dass sie sich wundere, man wolle den Leuchtturmwärter in Rente schicken. Die kurze Stille, die darauf folgte, nahm sie als Einverständnis der Anwesenden und fuhr fort: Wo er doch nie auch nur einen Cent von uns bekommen hat. Er wollte schlicht nicht.

Wie kann man also jemanden entlassen, der nie Geld bekommen hat?
Gar nicht – war die einfache Antwort. Das gebietet der Respekt. Oder die Peinlichkeit. Je nachdem, wen man fragt. Der Leuchtturmwärter schien von all dem nichts mitzubekommen. Von jeher scherte er sich nicht darum, was andere dachten. Seine Aufmerksamkeit galt einzig und allein seinem Herrn. Und das war in den letzten Jahren immer schwieriger geworden. Nicht, weil dieser älter wurde – sondern weil er, ebenso wie sein Diener, immer weniger gebraucht wurde. Die Schiffe bekamen GPS und Radar. Wer brauchte da noch ein Feuer? Noch dazu keines, das brannte. Denn die Flamme war ersetzt worden – durch kaltes, künstliches Licht. So wurde es nicht nur kälter im Turm. Auch die Langeweile zog ein. Wer sein Leben lang – und erinnern Sie sich: Niemand weiß, wie lange schon – Seelen gerettet hat, kann damit nicht einfach aufhören. Es ist schlicht unfair. Wer über Jahrhunderte gedient hat, wird verbittert. Und leer. Sicher, der ein oder andere nutzt ihn noch als Fotomotiv. Oder, wenn Ihnen das lieber ist, als Objekt, das mit Pinsel und Ölfarbe auf Leinwand gebannt wird – oft bei starkem Wind, als warteten die Maler nur darauf, dass er umkippt. Doch all das ist nichts im Vergleich zum Seelensammeln. Denn dafür wurde er erschaffen: verzweifelten Matrosen einen Halt zu geben. Häufig in letzter Sekunde, kurz vor dem sicher geglaubten Tod. Heute gibt es auf dieser Seite des Leuchtturms keine verzweifelten Menschen mehr. Oder zumindest nur noch wenige – deutlich weniger als auf der anderen Seite.
Jenen, die verloren sind in einer Welt, die sich immer weiter dreht, ohne Richtung. Wo jeder sein eigener Herr ist. Sich vermarktet. Und seine Seele für ein paar Klicks verkauft.

Und der Wärter?

Man sagt, er sei gegangen, bevor man ihm danken konnte.

Andere sagen, er sei nie da gewesen.

Doch seit jener Zeit leuchtet der Turm nicht mehr aufs Meer. 

Manchmal, spät nachts, sieht man ein Flackern ins Landesinneren.

Vielleicht ist es bloß eine Reflektion.

Ich glaube, der Leuchtturm folgt seiner Bestimmung – noch immer.

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