Space Oddity - Ich funke weiter

Space Oddity - Ich funke weiter

  1. Ein Essay über das Warten im Literaturbetrieb.


„Ground control to Major Tom“ – so beginnt Bowies Lied.
Ein Mensch hebt ab von der Erde, gelöst von Schwerkraft, Ruhm und Alltag.
Die Welt bleibt zurück, klein und blau, schön und unantastbar.

Warum ich das schreibe?
Weil ich mich gestern genau so gefühlt habe.

Ich bin hier, weil ich warte.
Zum Glück nicht in einer Raumkapsel wie Major Tom.
Doch ich könnte kaum weiter entfernt sein von meinem Ziel als er.

Er schwebt schwerelos,
getragen von Maschinen,
aber verlassen von Stimmen.
Die Verbindung bricht,
und er bleibt allein –
ein Schatten im Raum.

Ich habe mein Raumschiff gestartet
und muss nun warten.
Worauf?

Mein Roman ist fertig und liegt einigen Verlagen vor.
Die Antwort: ungewiss.
Die Wartezeit: sechs Monate.
In dieser Zeit könnte man mehrfach zum Mond und zurück.

Mir ist klar, dass nicht jeder eine Rückmeldung erhält.
Aber warum eigentlich nicht?

Major Tom ist kein Held,
sondern ein Spiegel.
Er steht für den Menschen,
der inmitten der Technik den Kontakt verliert:
zu anderen, zu sich selbst,
zur Heimat, die er nie ganz verlassen wollte.

Normalerweise mag ich Stille.
Wobei – eigentlich mag ich sie immer.
Deshalb wollte ich nicht hier sein:
alles zu laut, zu schnell, zu grell.

Jetzt höre ich Bowie in Dauerschleife
und bin doch hier.
Ich, inmitten der Technik, wie Major Tom –
und wie er, bin ich kein Held.
Wollte ich nie sein.

Ich weiß nicht, was Bowie getan hätte.
Aber ich weiß, dass er berühmt werden wollte –
wie, war ihm egal.
Mir ist das fern.
Ich wollte nur nicht,
dass mein Roman in der Vergessenskammer eines Verlagsraumschiffs verschwindet.

„Die Erde ist blau“ –
ein Satz so leicht wie ein Kinderlied
und doch ein Abgrund:
Schönheit, Distanz,
und das Wissen, dass man nichts zurückholen kann.

Ich ließ mich treiben:
beim Schreiben,
beim Warten,
hier, in diesem digitalen Raum.
Hier ein Text, dort eine Story –
um Aufmerksamkeit zu erhaschen.
Für den Zweck.

Gestern kam plötzlich die Anfrage,
meinen Roman auf Englisch lesen zu dürfen.
Und ich war wieder allein im Raumschiff.
Die Systeme überlastet.
Gedanken schossen an mir vorbei
wie Sterne, die man nicht zählen kann
und doch weiß, dass sie da sind.

Ich hatte Angst.
Angst davor, was die Maschine mit meinem Text macht.
Was wird aus meinen Wortschöpfungen?

Was ich in drei Monaten schrieb,
wurde in drei Sekunden übersetzt.

Andererseits:
Wir leben im RaumZEITalter.
Seit siebzig Jahren.
Da darf man das erwarten.

Und ich warte wieder –
auf nichts Bestimmtes,
und doch auf alles.
Sechs Monate.

Bis dahin singt Bowie weiter
und hält mir die Stille.

Vielleicht meldet sich niemand.
Aber ich funke weiter.


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