Takt der Züge
So kam ich wenig später, zwischen endlosen Reihen identischer Mietwagen hindurchgehend, an einen verlassenen Bahnhof. Entschuldigen Sie, wenn ich hier etwas theatralisch klinge, aber ich will auch nichts beschönigen. Der Zug, so hatte ich mich vorab informiert, fährt alle zwei Stunden in Richtung meiner Unterkunft. Außer diesem einen fuhr kein weiterer auf Gleis 2 ein – jenem Gleis, auf dem ich nun, wie ich gerade feststellte, zwei Stunden warten musste, da ich in der Ferne den Zug abfahren sah. Nun könnte der erfahrene Leser denken: Warum wartet der Zug nicht auf die Fluggäste? Schließlich kommt der Flieger zweimal die Woche immer zur gleichen Zeit. Genau zu einer Zeit also, die es gerade so unmöglich macht, den Zug zu erreichen. Nun, vielleicht weil außer mir niemand den Zug zu nehmen scheint. Denn alle anderen wurden hinter dem vermeintlichen Himmelstor erwartet. Ja, sogar empfangen – mit kleinen Stehtischen, durch die ich mich hindurchdrängeln musste. Sehr zum Missfallen der dort anwesenden Damen, die dachten, ich drängelte mich vor. Denn wie hätte es aus ihrer Sicht anders sein können? Ihre Logik war schlicht: Niemand kommt ohne uns aus. Vielleicht hatten sie nicht einmal unrecht, dachte ich wenig später, auf dem Bahnsteig wartend.
Doch wie so viele Geschichten nimmt auch diese einen unerwarteten Verlauf. Nein, der Zug kam nicht früher. Aber auf Gleis 1 fuhr ein anderer ein. Mit genau einem Passagier. Genauer gesagt: einer Passagierin. Zunächst schenkte ich ihr keine weitere Beachtung. Wenig später merkte ich jedoch, dass sie die Putzfrau des Bahnhofs war – sofern man das so nennen möchte. Denn schließlich gab es, abgesehen von den zwei Bahnsteigen und einem verschlossenen Häuschen, nichts, was diesen Namen gerechtfertigt hätte. Erst durch die Schräge des Aufgangs sah ich einen Pferdeschwanz, der – im Takt ihrer Wischbewegungen wedelnd – sich langsam in mein Blickfeld schob. Dann den obligatorischen In-Ear-Kopfhörer. Aus dem Rhythmus ihrer Bewegungen schloss ich, dass sie wohl eher langsamere Musik hörte.
Ich beneidete sie ein wenig um ihren scheinbar stressfreien Job. Doch dann überlegte ich, mit Blick auf den Fahrplan, ob sie den Zug in zwei Stunden oder erst in vier Stunden zurücknehmen würde – oder vielleicht noch einen späteren. Denn, davon ging ich aus, musste sie schließlich auch meine Seite säubern. Da sie keinerlei Eile zu haben schien, wurde mir schnell klar, dass sie im Takt der Züge arbeitete. Kein früheres Nachhausegehen, kein längeres Bleiben, um noch schnell fertig zu werden. Arbeitszeit: unabdingbar. Segen und Fluch zugleich.
Ich glaube, sie hat mich nicht einmal wahrgenommen. So vertieft war sie in ihre Arbeit. Der Bahnhof, der Fahrplan, die Züge – alles schien hier in seinem eigenen Rhythmus zu funktionieren. Nur ich war zu früh angekommen, ein wenig wie aus der Zeit gefallen. In meinen Tagträumen versunken sah ich sie auf mich zukommen, in ihrer typischen Wischbewegung, Stück für Stück. Doch bevor sie bei mir ankam, wurde ich wach. Ich schaute hinüber und vermisste den Anblick dieser Frau, denn sie war nicht mehr zu sehen. Vielleicht war sie gerade im Tunnel zwischen unseren beiden Gleisen. Ein Blick auf meine Uhr verriet mir, dass sich das ungefähr ausgehen musste, denn dann hätte sie bereits die Hälfte des Bahnhofs geschafft.
So wartete ich einerseits auf meinen Zug und andererseits auf das Erscheinen ihres Wischmobs. Denn es wäre dieser gewesen, den ich diesmal zuerst hätte sehen müssen. Doch ich sah weder den Wischmob noch sie. Und obwohl – wie anfangs erwähnt – mein Zug Verspätung hatte, kam dieser zuerst. Ein wenig wehmütig stieg ich ein und schaute zurück.
Heute, zwei Tage später, bilde ich mir ein, sie habe mir zum Abschied gewunken. Denn schließlich bin ich es, der sie gesehen hat. Der sie literarisch erwähnt hat. Doch die Wahrheit ist: Sie kennt mich nicht einmal. Vielleicht wischt sie heute einen anderen Bahnhof.