Zögern
- Über einen Moment, der sich nicht greifen lässt
Gerade eben war es wieder da.
Man denkt überhaupt nicht daran – und trotzdem ist es plötzlich da.
Dieser eine Moment. Als wolle das Gehirn sagen: Stopp, kurz sammeln.
Es passiert nicht oft.
Meist nachdem man eine große Anstrengung vollbracht hat.
Wenn man etwas finalisieren möchte, das danach unumkehrbar ist.
Ein letztes Mal innehalten, bevor der rote Knopf gedrückt wird,
die Revolverkugel abgefeuert wird
oder eine E-Mail gesendet wird.
Bei mir kommt zum Glück nur Letzteres vor.
Das aber dafür umso häufiger.
Was daran liegen mag, dass ich momentan Verlage und Agenturen anschreibe,
um meine Essays und mein Buch zu bewerben.
Es gibt Tage, da habe ich den Revolver öfter abgefeuert als in den letzten Jahren insgesamt.
Und jedes Mal, bevor ich auf den Pfeil zum Senden geklickt habe,
war da dieses Zögern.
So stark, dass es fast greifbar war.
Es war nicht bewusst.
Es ist einfach immer da.
Als ich noch im Operationssaal gearbeitet habe,
wurde in den letzten Jahren bewusst ein Zögern eingebaut,
bevor der erste Schnitt am Patienten erfolgte.
Denn nichts ist strukturierter und ritualisierter
als eine Erkrankung, die operiert werden muss.
Ein Filzstiftkreuz an der Stelle, wo operiert wird.
Ein Antithrombosestrumpf nur auf dem gesunden Bein.
Eine Stelle des Körpers, die ausschließlich dort rasiert wird.
Der Patient unterschreibt für eine Seite.
Alles Signale, ablesbar wie eine Checkliste.
Ach ja, die hatte ich fast vergessen zu erwähnen:
Natürlich gibt es auch eine Checkliste.
Wo man – wie der Name verrät – alles abchecken kann.
Ich bevorzuge aber zu sagen: das Richtige ankreuzen.
Und trotzdem kam es immer wieder zu Verwechslungen.
Ich habe dazu meine eigene Theorie.
Es hat nichts mit Schlampigkeit oder Übermüdung zu tun –
beides durchaus oft vorhanden.
Nein, es hat eher damit zu tun, dass unser Gehirn manchmal ein fauler Sack ist.
Sieht es ein Schema, denkt es: Kenn ich. Hak ich ab.
Wo sind wichtigere Dinge, um die ich mich kümmern muss?
Deshalb wurde ein Stopp, ein Zögern, vor dem Schnitt im Operationssaal eingebaut.
Jeder der Anwesenden musste sich kurz erklären,
warum er der Meinung ist, dass es richtig ist,
was wir da gerade tun.
Jeder Einzelne.
Das alles ist aber ein bewusstes Zögern – eine Entscheidung aus Vernunft.
So wie die Zugführer in Japan,
die alle ihre Bewegungen mit weißen Handschuhen
zu einer Geste formulieren.
Ein Ritual der Gewohnheit,
ein Sich-Klarmachen, was hier gerade abläuft.
Mag man es albern finden, wenn man jung ist –
so sieht man im Alter den Sinn dahinter.
Beide Beispiele, der OP-Saal und die japanische Eisenbahn,
sind jedoch bewusstes Zögern.
Ich jedoch möchte von dem Zögern reden,
das da ist, bevor man etwas Unwiderrufliches tut.
Immer ein Moment, in dem die Zeit stillzustehen scheint.
Sie zu sammeln funktioniert leider nicht.
Sie zu ignorieren erzeugt nur Unbehagen.
Aber vielleicht ist es auch nur eine Lernphase,
die ich durchmachen muss.
Danach geht es dann bestimmt ohne Zögern.
Wie ein Barista, der irgendwann nicht mehr mitzählt,
wie oft er den Espresso-Knopf gedrückt hat.
Doch ich wette, es wird wieder irgendwo ein Moment kommen,
an dem ich plötzlich zögere.
An dem mein Körper sagt: Stopp.
Könnte ich mich nur erinnern,
wie oft in meinem Leben ich schon gezögert habe.
Denke ich zurück, hätte ich öfter zögern sollen.
Bei Dingen, die später mein Leben
in eine Bahn gelenkt haben, die nicht schön war.
Oder weniger zögern bei Dingen,
die ich dadurch verpasst habe.
Ist Zögern nichts anderes als der Impuls meines Gehirns,
meinen Körper zu stoppen,
damit das Gehirn nachkommt?
Dahin, wo der Körper schon ist.
Wie wenn man per Flugzeug verreist
und erst Tage später merkt, dass man angekommen ist.
Der Körper ist schnell geflogen,
der Geist kommt mit der Postkutsche hinterher.
Und ohne dass man daran viel ändern könnte,
dauert es ein paar Tage,
bis man wieder mit sich im Einklang ist.
Vielleicht ist es das.
Früher hat man Briefe geschrieben.
Mit Tinte und Feder.
Später dann moderner mit Schreibmaschine.
Dabei musste man aber aufpassen, dass man keinen Fehler machte.
Nichts wurde verziehen –
weder von der Tinte noch von der Maschine.
Heute ist das anders.
Ich haue auf meine Tastatur,
manchmal schneller, als ich denken kann.
Die Rechtschreibkorrektur erledigt dann den Rest in Perfektion.
Auch Kaffeeflecken auf dem Brief
oder Kinderkritzeleien
sind einer E-Mail fremd.
Das Perfekte entsteht in wenigen Minuten.
Abgesendet und erhalten in wenigen Sekunden.
Schneller, als ich mir die Schuhe anziehen könnte,
um zum Briefkasten zu gehen.
Vorausgesetzt, ich hätte eine Briefmarke zur Hand.
Kein Wunder, dass unser Gehirn uns kurz zögern lässt
bei einem Lebenstakt, der in Sekunden gemessen wird.
Ich werde es demnächst bewusst annehmen,
das Zögern.
Ich werde es begrüßen als einen Freund,
der es gut mit mir meint.