Zwischen Anspruch und Realität
7. Vom Stolz, der bleibt, aber immer mehr die Farbe verliert.
Ich denke, sie sehen sich selbst nicht so, wie ich sie sehe.
Frau Barnaby, Sissy und Elke – das ist für mich der Pakt. Wobei es noch eine Anwärterin gibt, die sich ihnen bald anschließen wird. Ich nenne sie Clara, die Hilfsbereite. Doch dazu später mehr. Jede für sich herrscht über ein Reich, das sich nach der Größe ihres Bewegungsradius bemisst. Es liegt also in der Natur der Dinge, dass ihr Herrschaftsgebiet immer kleiner wird – und deshalb mit immer mehr Starrsinn verteidigt wird. Die Welt außerhalb ihrer kleinen Reiche interessiert sie nur durch Fernsehsendungen oder die Klatschpresse. Deckt sich ein Weltbild dabei mit dem ihren, wird diese Meinung wie ein Manifest mantraartig an jeden Nachbarn weitergetragen, der nicht danach gefragt hat. Dieser, meist aus Höflichkeit und Respekt vor dem Alter, sagt dann nicht: „Was für einen Scheiß erzählen Sie da?“, sondern nickt beflissen. Sollte er doch etwas entgegnen, wird es schlicht ignoriert. Denn wer wäre er, dass er das Manifest anzweifeln dürfte? Man weiß Bescheid im Alter, wie die Welt läuft, kennt jeden Kniff, der wichtig ist: wie die Mülltonne zu stehen hat, wer wo parken darf und was beim Nachbarn los ist – natürlich in strengster Verschwiegenheit erzählt. Ich beobachte dieses kleine Bermudadreieck der alten Weiber schon länger. Und so kann ich berichten: So sehr sie sich ähneln, so wenig treffen sie sich. Die eine lädt die andere nicht einmal zu ihrem Geburtstag ein – obwohl sie in deren Abwesenheit die Blumen gießt und sonst ständig miteinander quatscht. Zur Geburtstagsfeier kommen dann nur die alten Arbeitskollegen. Wobei „alt“ und die geringe Zahl der Gäste in diesem Fall wirklich zutreffen: Es sind genau zwei. Was bei einem Alter von fünfundsiebzig Jahren ja auch nicht verwunderlich ist. Sicher dachten Sie jetzt, ich spreche von einer aus dem Bermudadreieck.
Sorry – hierbei handelte es sich um Clara, die Jüngste. Wie möchten Sie, dass ich fortfahre?
Soll ich mit Sissy beginnen, der Kaiserin?
Oder lieber mit der Sportivsten der drei? Da Sie mir nicht antworten können und es dramaturgisch ohnehin besser passt, beginne ich mit der sportiven Version der Alten.
Wobei „sportiv“ sich darauf bezieht, dass Frau Barnaby – so nenne ich sie, weil sie aussieht wie eine alte englische Dame in einem Barnaby-Krimi – durchaus noch aktiv ist.
Sie wissen schon, die, die am Anfang fast jedes Inspektor Barnaby-Films mit dem Fahrrad durchs Dorf fährt, meist mit Blumen am Lenker. Meine Frau Barnaby fährt auch noch Fahrrad. Und, dramaturgisch perfekt, hat sie einen Sonntagsmann.
Jemanden, der jeden Sonntag pünktlich um 15 Uhr kommt und bis spät in die Nacht bleibt. Jeden Sonntag. Der Vollständigkeit halber: Er kommt oft auch unter der Woche – dann allerdings in Gartenoutfit, mit Leiter oder Heckenschere unter dem Arm.
Nichts im Leben ist umsonst. Frau Barnaby pflegt ihren Garten. Oder besser gesagt: die Kübel in ihrem Garten. Denn das ist der Trend unter alten Damen – Einweggärtnerei. So kann man sein liebstes, ehemaliges Hobby – das Shoppen – mit dem Nützlichen verbinden.
Statt wie früher in einen hippen Laden zu gehen und Hotpants zu kaufen, geht man heute in einen Baumarkt, um dort fertige Pflanzen zu kaufen.
Die werden dann den ganzen Sommer über, mantraartig von Hand gegossen, während man Schnecken absammelt – natürlich im Bademantel.
Wie es sich gehört für einen Barnaby-Film. Ihr Haus ist in einem fröhlichen Pink gestrichen.
Was ja wiederum fast modern ist, wenn man an die cozy vibes denkt, die aus Asien zu uns herüberschwappen. Elke ist da komplett anders.
Elke ist grau. Alles an ihr. Das Haus, der Platz davor – und sie selbst auch.
Ihr Auto, das sie vor dem Haus parken könnte, aber aus Starrsinn auf dem Bürgersteig abstellt, obwohl sie sonst keinen Meter zu viel läuft, ist natürlich ebenfalls grau. Über Elke weiß ich eigentlich nicht viel, außer, dass sie ab und zu noch Auto fährt.
Sie hat jemanden, der für sie putzt, jemanden, der ihren Garten macht, und jemanden, der für sie einkauft.
Es ist ja auch nicht leicht, ein ganzes Haus mit großem Grundstück zu besitzen.
Da müssen wir uns nichts vormachen: So eine Trotzburg verlangt einem alles ab. Und sie will – so scheint es – genauso aussehen wie vor vierzig Jahren.
Bloß nichts verändern, verbessern oder – im schlimmsten Fall – verschönern.
Nein. Es ist gut so, wie es ist.
Bis in den Tod. Dann können solche Trotzburgen meist nicht mal mehr saniert werden, sondern müssen abgerissen oder zumindest kernsaniert werden.
Ich frage mich oft, warum es den Menschen so schwerfällt, loszulassen. Von dem Geld, das ein solches Haus bringt, könnte man sich eine gemütliche, seniorengerechte Wohnung mieten oder kaufen.
Es sich schön machen.
Aber das ist wohl den meisten Alten nicht gegeben.
Lieber mürrisch an einem Ort leben, aus dem erst langsam, dann immer schneller die Farbe weicht – bis man selbst nur noch ein grauer Teil davon geworden ist. Kommen wir nun zu Sissy.
Ich nenne sie nicht so, weil sie aussieht wie Romy Schneider im Film, sondern wegen ihres Gebarens. Auch fährt sie keine Kutsche, dafür aber seit Neuestem einen Seniorenlaufstall.
Kennen Sie nicht? Doch, tun Sie. Nennt sich nur im Volksmund „Rollator“. Keine Ahnung, wer sich diesen Namen ausgedacht hat.
Ich finde ihn schwierig – schließlich gibt es schon Rollläden, Rollbraten und jetzt auch noch Rollatoren.
Was soll man sich darunter vorstellen, wenn man nicht wüsste, was es ist? Bei meinem Begriff weiß jeder sofort, was gemeint ist.
Das Nichtwissen, was es ist, ist quasi unmöglich, weil diese Seniorenlaufställe das Einzige sind, was den Miet-E-Scootern noch die Stirn bietet – in puncto Auftreten und Menge an unmöglichen Orten.
Immerhin dient beides der Mobilität.
Und somit der Energiewende. Sollte zumindest so sein.
Doch werden die Rollatoren nicht nur draußen genutzt, sondern auch zuhause. So auch bei Sissy.
Keinen Schritt macht sie mehr in ihrem Haus ohne das Ding.
Nicht, weil sie es nicht könnte – sondern, weil es bequemer ist. Zweimal die drei Meter von der Küche zum Esstisch gehen, um sich Essen und Besteck zu holen?
Undenkbar. Das Essen wird samt Besteck auf den Rollator gestellt und dann, fast wie im Hotel auf Zimmer, zum Tisch gebracht. Jeder, der mir sagt, die Rollatoren seien gut für Beweglichkeit und Mobilität, dem kann ich nur entgegnen:
Seit Sissy ihren hat, wird sie immer steifer. Weil der Rollator nicht dazu führt, dass sie rausgeht, um Vögel beim Spaziergang zu beobachten oder eine ihrer Bermudadreieck-Kolleginnen zu besuchen.
Das hat sie früher nicht getan – und tut es deshalb auch heute nicht. Ich merke gerade, was als kurze Einleitung über die drei gedacht war,
hat sich zu einem kompletten Text entwickelt.
Um den Zauber zu bewahren, schließe ich hier besser. Aber – heute ist nicht alle Tage, ich komm’ wieder, keine Frage. (Paulchen Panther)
Ist das der eigentliche Sinn des Alters –
sein kleines Königreich zu verteidigen,
auch wenn es nur aus Kübeln, Rollatoren und Prinzipien besteht?