Abteilung gebrochene Ware

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Abteilung gebrochene Ware

Irgendwann, wenn du des Strandes müde bist und glaubst, jedes Café samt seinem Geruch und seiner Musik zu kennen, machst du dich auf, um ein Museum zu besuchen. Wenn dann noch das Wetter, weil ein zarter Regen den Asphalt und später das Kopfsteinpflaster zum Spiegeln bringt, dich einlädt – dann ist es soweit.

Doch du musst dich unbedingt vorher schützen vor den vielen Eindrücken, meist Geräuschen, die dich bis dahin begleiten werden. Du kennst sie alle. Einige kannst du gewohnt ausblenden, sind sie doch auch in deinem normalen Alltag gegenwärtig. Auch wenn du dir im Urlaub eigentlich eine Auszeit davon nehmen wolltest.

Und so brausen auch hier Autos und besonders Motorroller geräuschvoll an dir vorbei, als ob sie nicht wüssten, dass du geräuschempfindlich bist. Du vermeidest die lauten Straßen nur, um festzustellen, dass dein Leben in Cádiz ständig mit spanischen Untertiteln versehen ist. Gelesen von Frauen, schnell und laut gesprochen.

Sehen sie nicht, dass mich das stört?
Ach ja – wie auch, sie sind ja hinter mir.

Manchmal hilft es sehr, einfach stehen zu bleiben und den Untertitel weiterlaufen zu lassen. Und du fragst dich, ob das mit einem Film auch geht. Wäre das nicht praktisch?

Irgendwann musst du weiter, an kleinen kläffenden Hunden vorbei, die ja nichts anderes tun, als ihre Herrchen und Frauchen zu erziehen. Wer mag es ihnen verdenken. Leider stören sich diese aber nicht daran. Mich leider schon, und so gehe ich etwas schneller, um diesen Lärm hinter mir zu lassen.

Zum Glück gibt es hier einige kleine Parks, wo man ein wenig Stille auftanken kann, wenn man sie strategisch nutzt. Doch zum sprichwörtlichen Lustwandeln reichen sie nie. Sie sind immer nur so groß, dass man sie in höchstens zwei Minuten durchqueren kann. Sicher, man könnte im Kreis gehen. Doch dann würde man die lauten Außenränder streifen, was wiederum nur ein Intervall von Stille wäre.

Irgendwann aber stehst du vor dem Museum. Ein Ort der Ruhe. Endlich.

Hell und freundlich empfängt es dich. Du folgst den Pfeilen und bist sehr schnell in der Abteilung „gebrochene Ware“. Entschuldigen Sie den Ausdruck, aber er umschreibt ziemlich genau, was ausgestellt wird. Kaputte Vasen, Teller und anderes Hausgeschirr von vor über fünfhundert Jahren vor Christus.

Und ich frage mich, ob diese Vase, die hier im perfekten Licht – weil sie selbst unperfekt kaputt ist – angestrahlt wird, zu Lebzeiten auch diese Aufmerksamkeit bekam. Oder ob die Hausdame sie einst als Geschenk erhielt und sie hässlich fand und deshalb in die hinterste Ecke verbannte.

Andererseits hätte sie dann auch heute diesen Auftritt verdient.

Ich gönne es ihr. Ebenso all den anderen wundervollen Dingen aus dieser Zeit.

Wie wohl ein Thermomix oder ein Saugroboter nach 2700 Jahren aussehen mag? Welche ich aus Prinzip nicht besitze – und somit die Frage auch nie beantwortet werden kann.

Sei es drum.

Wenig später, oder genauer gesagt eine Etage höher, erreiche ich die Abteilung der Alten Meister. Ein kleines Steckenpferd von mir. Ich liebe es, mich in Bilder zu verlieren. Mich zu fragen, wie die Zeiten damals waren und warum der Maler es gemalt hat. Oder ob es versteckte Zeichen darin gibt.

Sie sehen: Ich interessiere mich.

So betrachte ich auch das erste Bild. Eine Schlacht. Keine militärische – eher eine vor einer Kneipe. Irgendwie ganz witzig bei all der Brutalität darauf.

Ich gehe weiter und merke, dass ich immer mehr – eigentlich ausschließlich – von religiösen Motiven erschlagen werde. Zwischen den wenigen Marienbildern, die ja auch immer leidend sind, gibt es nur Mord und Totschlag.

Zwar wenigstens leise. Aber auch nicht gut für mein Gemüt.

Ich breche ab und gehe eine Etage höher, wo die aktuelleren Werke sind. Aber auch hier nur christliche religiöse Bilder.

Ich drehe mich um und sehe weiter unten Handwerker, die ein wenig Krach machen. Doch der kommt in meinem Kopf nicht an. Zu dicht und düster sind meine Gedanken von diesen schrecklichen Bildern.

Schnell verlasse ich das Museum und merke, dass es auch gut tun kann, im Lauten zu stehen.
Dass es zwischen all den Untertiteln und Mopeds auch Vogelgezwitscher gibt.

Oder die Musik eines Straßenmusikanten.