Unweit von irgendetwas

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Unweit von irgendetwas

Schaut man über die Dächer von Cádiz, sieht man nicht viel. Zumindest nicht viel – würde man die unzähligen flachen Dächer ignorieren. Wie umgestürzte Betonlegosteine, die ein kleines Kind vergessen hat, nachdem seine Mutter es zur Siesta gerufen hat, liegen sie samt Häusern nebeneinander. Muster, Ordnung – keine Spur. Gleichheit wird konsequent ignoriert. Und die Idee, ein Dach als Nutzfläche zu begreifen, scheint hier kaum angekommen zu sein. Ich hatte erwartet, Solaranlagen oder kleine Biotope zu entdecken. Stattdessen: Enttäuschung. Eine Handvoll Solaranlagen, keine Gärten. Was der Cádizianer jedoch gelegentlich nach oben verlagert, ist seine Wäsche – aufgehängt an gespannten Leinen, dem Wind überlassen. Ein notwendiges Übel. Viele Wohnungen bleiben über den Tag hinweg ohne direkte Sonne, sodass selbst bei 20 Grad Außentemperatur die Wäsche nach 24 Stunden noch klamm ist.

Schaut man sich weiter um, öffnet sich der Blick über die gesamte Altstadt – bis hinaus zum Atlantik. Der Turm, von dem aus ich berichte – oder besser: von dem aus ich mich erinnere, denn ich sitze inzwischen im Flieger nach Hause –, steht mitten in dieser Altstadt, unweit des Fischmarktes. Wobei hier ohnehin alles unweit von irgendetwas ist. So liegt ein Rolexladen neben einer kleinen Bäckerei, ein Dessousgeschäft direkt neben dem eines jungen Mannes, der christlichen Nippes verkauft. Verzeihen Sie meine Offenheit – aber ich stelle mir noch immer vor, wie er dort steht, zwischen seinen Jesusfiguren, auf die das Sonnenlicht vergeblich fällt. Schaut er hinaus und bewundert das pralle Leben – oder wischt er schüchtern mit einem Wedel den Staub von den beklemmenden Holzfiguren? Wobei – wenn ich es recht überlege – hat so ein Jesus am Kreuz vermutlich bessere Verkaufsargumente, wenn sich Staub von Jahrzehnten auf ihm gesammelt hat.

Sie denken, ich übertreibe? Keineswegs. Es gibt unzählige Fenster hier, bei denen die Zeit stillgestanden zu haben scheint: vertrocknete Kakteen, vergilbtes Kinderspielzeug in einer Ecke, das schon die 1980er gesehen hat. Bei solchen Anblicken frage ich mich immer, was geschehen sein mag. Oft stelle ich mir vor, dass ein kleiner Enkel es bei seiner Oma vergessen hat – und sich nach achtzig schnell vergangenen Jahren, inzwischen selbst Großvater, nicht mehr traut, es wegzuwerfen.

Während ich noch in mein Schreiben vertieft bin, kündigt der Pilot den Landeanflug an. Zeit, den Laptop zu schließen und die Sonnenblende zu öffnen. Unvermittelt öffnet sich unter mir ein tiefes, riesiges Loch, in dem früher gewaltige Bagger Kohle abgetragen haben. Ganze Dörfer haben sie verschlungen. Ob Cádiz in ein solches Loch passen würde? Gedanken an die umliegenden Orte – evakuiert, aber nie abgerissen. Ich war dort: leere Häuser, leere Straßen, leere Kirchen. Mit einem Wort: gespenstisch.

Dort hatte kein Spielzeug Zeit, alt zu werden.