Rosen
Tag 1
Jeder Mann braucht eine Mission. Das behaupte ich nicht einfach, sondern halte es für eine Tatsache, sofern man, wie ich, in den 1970ern groß geworden ist. Nun denken Sie vielleicht an Mission Impossible oder eine ähnlich angelegte Mission, aber so ist es in meinem Fall nicht. Zum Glück. Wobei ich sagen muss, dass meine Mission eigentlich auch unmöglich ist.
Ich suche noch nach einem Namen dafür, und es besteht die Möglichkeit, dass Sie, liebes Publikum, mir dabei helfen können, indem ich Ihnen meine Situation beschreibe. Es muss nicht heute oder unmittelbar geschehen, da auch ich künftig immer wieder berichten werde. So ist es schließlich üblich im einschlägigen Genre. Startet es doch üblicherweise mit dem Titel: Tag 1. Obwohl in diesem Fall der Tag schon einige Jahre zurückliegt, beginne ich erst heute und nenne ihn deshalb so. Wobei heute gestern ist, aber das sollte Sie nicht weiter verwirren.
Die geschilderten Tatsachen entsprechen alle der Wahrheit, werden von mir jedoch ins Sarkastische bis Humorvolle überspitzt, um die Situationen besser ertragen zu können. Auch hier verweise ich auf einschlägige Filme, bei denen die Helden stets einen flotten Spruch auf den Lippen haben. Aber ich will Sie nicht weiter auf die Folter spannen: Es geht um das Thema Garten und Natur.
Mir ist klar, dass ich jetzt vielleicht einige Leser verloren habe, die etwas Blutrünstigeres erwartet hatten. Den anderen sei gesagt, es wird schon gleich am ersten Tag blutig.
Tag 1: Die Rosen.
Bevor ich jedoch zur eigentlichen Handlung komme, muss ich Ihnen erläutern, was für diesen Einsatz benötigt wird. Der ein oder andere mag nun denken: Welche Ausrüstung – man geht in den Garten und zupft ein wenig an den Rosenblättern. Eine Vorstellung, die ich aufs Entschiedenste verurteilen muss. Ja, ich halte sie für eine Märchenerzählung, einen Umstand, der fälschlicherweise allzu oft in englischen Krimis vorkommt. Wer kennt nicht jene Szene, in der der Kommissar eine Verdächtige – der Rosengarten scheint es zu verlangen – befragt. Meist trägt sie einen Strohhut, begleitet von den Klängen Mozarts oder Ähnlichem.
Um es klar zu sagen: Das entspricht nicht meinen Umständen. Zum einen, weil es sich um einen radikalen Rückschnitt handelt, der vorzugsweise dann vorzunehmen ist, wenn die Forsythien blühen – weniger lyrisch: zwischen Mitte März und April.
Um dies zu bewerkstelligen, benutze ich seit Jahren meine bewährte Ausrüstung. Diese besteht aus einer grünen Latzhose, welche sich als äußerst praktikabel erweist – nicht nur aufgrund ihrer zahlreichen Taschen, sondern auch, weil sie keinen Gürtel benötigt. Und genau dieser, der Gürtel, ist der Feind des sich häufig bückenden und knienden Menschen, der sein Werk gewissenhaft betreibt. Die Folgen sind bekannt: Sodbrennen, Unwohlsein und nicht selten der vorzeitige Abbruch einer Mission.
Ebenfalls vonnöten sind eine Lesebrille und Handschuhe. Ersteres mag in jungen Jahren verzichtbar sein, bei Letzteren verhält es sich meist umgekehrt. Ein Strohhut hingegen, wie oben beschrieben, ist nicht zu empfehlen – denn auch wenn man sein Handwerk selten im Liegen verrichtet, so ist man doch nicht weit davon entfernt. Für diejenigen unter Ihnen, die Yoga betreiben: Es ähnelt dem flachen, herabschauenden Hund.
Sollten Sie sich nun fragen, wozu das alles – schließlich schneidet man Rosen maximal auf eine Länge von 50 cm zurück –, so möchte ich antworten: Auch unterhalb dieser Grenze findet Wachstum statt. Und zwar häufiger, als einem lieb ist. Mit anderen Worten: Man entfernt alles, was nicht Rose ist. Keine schöne Aufgabe, aber eine notwendige. Und eine, bei der man – so ehrlich muss ich sein – ein gewisses Maß an Meditation erreicht. Wie so oft bei monotonen Tätigkeiten.
Und in eben einer solchen, tiefen Versunkenheit übersieht man leicht die umliegenden Rosenstämme, die in Wahrheit nichts anderes sind als Stöcke, versehen mit kleinen Fleischspießen. Sie warten nur darauf, sich in dich zu ritzen. Der ungeübte Gärtner mag erschrocken aufschreien oder – beschämt über seine eigene Unachtsamkeit – hektisch reagieren und künftig vorsichtiger werden. Jedoch nicht ich. Jahrelanges Training hat mich gelehrt, den Schmerz zu ignorieren – zumindest bis zum nächsten Morgen. Beim ersten Blick in den Spiegel tritt er dann oft umso deutlicher hervor. Allerdings unbeobachtet.
Kommen wir zur eigentlichen Handlung. Diese ist mit wenigen Worten erklärt – vorausgesetzt, Sie sind bereit, keine Kompromisse einzugehen. Denn Zaghaftigkeit wird von der Rose als Schwäche verstanden. Hier gilt, wie so oft bei einer Mission: Ein radikaler Schnitt ist zu empfehlen. Ein geübter Virtuose führt dabei seine Rosenschere schräg angesetzt – ich stelle fest, dass ich sie zuvor im Eifer der Ausführungen unterschlagen habe. Eine Technik, die häufig unterschätzt wird, jedoch für bessere Ergebnisse sorgt. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei den nach innen wachsenden Trieben: Sie sind konsequent zu entfernen.
Ich bilde mir am Ende eines Rosentages gern ein, dass meine Mühen und Wunden nicht umsonst waren. Dass die Rosen es zu schätzen wissen.
Sicher, ich kann mir einbilden, dass sie dank meiner Taten besonders schön und üppig werden.
Aber eine kleine Stimme in mir fragt sich, was aus dem geworden wäre, was ich so penibel entfernt habe.