Das Geschenkte Lächeln
„Es sind meine kleinen Geschichten und Gedichte, die den Urlaub schon jetzt in Erinnerung verwandeln. Dies ist eine davon.“
— Andreas
Cádiz, ein zentraler Platz in der Altstadt.
Die Sonne hat hier nur wenig Chancen, sich zu zeigen. Über Jahrhunderte wurde sie verdrängt – zu Recht. Will man doch in den Sommermonaten nicht unter ihr leiden müssen. Doch jetzt, im beginnenden Frühling, liegt eine schwere Kälte über der Stadt, sodass selbst die Touristen Winterjacken tragen.
Ich weigere mich – auch weil ich keine solche eingepackt habe. Nutzt man die Sonnenwege richtig, kommt man ohne sie aus, ja, man kann sogar ein T-Shirt tragen.
So bekleidet stehe ich also gestern mit Sonne im Blick und Eis in der Hand und sinniere über meinen Rückweg nach, der – wie ja oben erwähnt – geplant werden muss, bevor mich der eisige Wind fragen lässt, warum ich ein Eis gegessen habe.
Ich blicke also in die Sonne und sehe im Augenwinkel jemanden auf mich zukommen. Ein Schatten nur, sonnenblind, wie ich war. Ich merke, dass ich reagieren muss – jener Moment, in dem man versteht, dass man nicht ignoriert wird, sondern handeln muss.
Also schaue ich ihn an, denn das ist er nun einmal: ein Er. Nicht zerlumpt, aber auch nicht weit davon entfernt. Er schaut mich an und beginnt sofort zu reden. Auf Englisch. Was erstaunlich ist, denn hier scheint niemand Englisch zu verstehen. Glauben Sie mir, ich habe es versucht – unterstützt von Mimik und Gestik. Der Cádiz-Bewohner weigert sich hartnäckig.
Ich erwähne das nur, weil mein Gehirn einen Moment brauchte, um die Worte des jungen Mannes – der wahrscheinlich unter freiem Himmel lebte – zu übersetzen.
„Hast du Geld für mich, damit ich mir etwas zu essen kaufen kann?“
Passende Worte, möchte man meinen, betrachtet man die Umstände zwischen uns. Doch bevor ich antworten konnte, kam gleich der nächste Satz:
„Oder schenken Sie mir ein Lächeln. Das genügt auch.“
Er lächelte mich freundlich an und ging seines Weges.
Ich stand da wie zuvor vor unserem einseitigen Gespräch – und doch hatte sich für mich alles verändert. Ich merkte, dass ich lächelte, weil er gelächelt hatte. Mir wurde warm ums Herz.
Ich erwartete, dass er wenig später zurückkommen würde, um seinen Obolus zu fordern. Aber er kam nicht zurück.
So nahm ich sein Lächeln mit – bis heute – und hoffe sehr, dass ich ihn wiedersehen werde.