Die Müdigkeit der Sonne

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Die Müdigkeit der Sonne

Was bleibt, wenn die Schatten die Farbe aus der Stadt tragen?

Es gibt sie, die sonnigen Plätze in Cádiz. Aber es sind nur wenige – und wenn, dann auch nur für wenige Minuten, als ob die Sonne sich nicht trauen würde, für längere Zeit in Bodennähe zu verweilen.

Nun könnte man denken, die Stadtplaner dieser Stadt hätten alles richtig gemacht und viele Bäume im Innenstadtbereich gepflanzt. Aber dem ist nicht so. Jede dunkle Fläche in Cádiz wird vom Beton erschaffen. Außerhalb der Altstadt ragen unzählige Hochhäuser auf, die wie einsame Riesen auf das Meer blicken. Denn dieses ist nie weit auf dieser kleinen Spitze von Spanien, die ins Meer hineinragt – wie ein Haar in der Suppe, das über den Tellerrand schaut.

Doch erstens sind die Riesen gar nicht so einsam, weil meist mehrere ihrer Art um sie herum stehen. Und zum anderen versperren sie einander den Weg – und damit auch der Sonne.

Stellt sich eines dieser Hochhäuser – prachtvoll, oft im bläulich-türkisen Ton – der Sonne in den Weg, saugt der Schatten, den es erzeugt, seinen Mitstreitern die Farbe aus dem Beton und raubt den Wohnungen in seinem Bauch das Licht.

Was zur Folge hat, dass fast jeder Bewohner in Cádiz sich vorkommen muss wie ein Höhlenbewohner. Wenn auch mit Aufzug.

Was vielleicht auch der Grund ist, warum die Cádizer selbst jetzt im beginnenden Frühling mit Winterjacke aus dem Haus gehen. Ist es doch draußen meist wärmer als in den Wohnungen, wie ich aus eigener Erfahrung sagen kann. Allerdings weht durch die unzähligen Häuserschluchten ein eisiger Wind.

Willkommen im Sommer, Winterfell fordernd im Frühling.

In der Altstadt selbst, dem Schmuckstück der Stadt, gibt es unzählige verwinkelte Gassen, die wahrscheinlich noch nie einen Sonnenstrahl abbekommen haben. Doch jede von ihnen scheint irgendwann mit Blick aufs Meer zu enden, als wollten sie sich dem Licht entgegenstrecken.

Und obwohl jede Querstraße von einem Ufer zum anderen reicht, gibt es nicht eine davon, durch die man komplett hindurch sehen kann. Irgendein wackeres Haus stellt sich immer dem eisigen Wind oder der lauen Sommerbrise in den Weg.

Viele kleine Bars oder Cafés teilen sich die engen Gassen mit den dunklen Schatten. Die Einheimischen scheint es nicht zu stören, dass sie allesamt im Schatten liegen. Was ja, betrachtet man die Lage, durchaus vier bis fünf Monate im Jahr Sinn macht. Den Rest der Zeit allerdings nicht.

Doch das wird konsequent ignoriert. Vielleicht angewandter Stoizismus. Oder Solidarität mit denjenigen Restaurantbesitzern, die durch ihre Lage nie einen Sonnenplatz erreichen könnten – was, wie ich vermute, bei bestimmt fünfzig Prozent der Fall wäre.

Nein, Schatten und Dunkelheit sind des Cádizers tägliches Wohl.

Es klingt daher fast wie Hohn, wenn genau hier einer der schönsten Sonnenuntergänge Europas jedes Mal aufs Neue geschieht.

Oder vielleicht auch nicht.

Denn auch die untergehende Sonne bedeutet Dunkelheit.
Und doch ist es ein magisches Schauspiel.

Plötzlich verstehst du, warum der Sonnenuntergang so oft besungen wird. In Filmen reiten Cowboys ihm entgegen, bis ihre Silhouetten mit dem letzten Licht verschmelzen.

Eine magische Kraft scheint von ihm auszugehen: ein Sonnenuntergang. Doch dieser, den ich meine, ist ein besonderer. Hier geht die Sonne vollständig im Atlantik unter. Es scheint, als würde jemand ein glühendes Eisen ins Meer tauchen, um es zum Kochen zu bringen.

Das Meer, zuvor in türkisblau getüncht, bekommt nun – wie von einem groben Pinsel gezogen – eine orangefarbene Straße, die Strand und Untergang miteinander verbindet.

Möwen, die sich für dieses Spektakel versammelt zu haben scheinen, schweben durch dieses Lichtschauspiel. Als wollten sie die Ruhe nicht stören, tun sie es schweigsam, mit einer Eleganz, die fast so wirkt, als seien sie sich ihrer Präsenz vollkommen bewusst.

Es scheint, als ob sie die einzigen Einheimischen sind, die dieser Inszenierung beiwohnen. Ihre menschlichen Genossen jedenfalls drehen sich nicht einmal um, wenn sie ihre Hunde ausführen oder mit dem E-Scooter den wunderbar ausgebauten Fahrradweg benutzen. Dann gleiten sie zwar, leise wie die Möwen, an einem vorbei – verweigern sich aber dem wunderbaren Schauspiel.

Aber vielleicht ist es gerade deshalb genau das: Eine Stadt und ihre Bewohner, die alles dafür tun, die Sonne aus ihrer Mitte zu verbannen, bekommen dafür einen der schönsten Sonnenuntergänge.

Man könnte jetzt sagen: Er ist nur so schön, weil alles andere vor ihm so dunkel und voller Schatten ist. Ja, das könnte man wohl zu Recht sagen.

Vielleicht aber ist die Sonne nur müde geworden, ein wenig Licht in die Stadt zu tragen, sodass sie keine Kraft mehr hat und jedes Mal aufs Neue ins Meer stürzt.

Und dort, im Atlantik, wo sie schließlich versinkt, liegt für einen Moment all das Licht, das Cádiz tagsüber gefehlt hat.